ARCHIV FÜR September 2020

Mo. 28.09.2020 / 20:00

WEGE DES LEBENS

Eine assoziative Reise durch Zeit und Raum, Vergangenheit und Erinnerung.

© 2020 Universal Pictures International Gemany GmbH

Der Mittfünfziger Leo (Javier Bardem) öffnet nicht die Tür, als seine Haushaltshilfe klingelt, und er geht auch nicht ans Telefon, als seine Tochter Molly anruft. Als sie beide dann gemeinsam die Wohnung betreten, liegt Leo lethargisch im Bett, reagiert kaum und scheint verwirrt. Er leidet unter einer Hirnatrophie. Leo stammt aus Mexiko und war einst Schriftsteller. Nun lebt er seit über 30 Jahren in den USA und hat eine Wohnung in New York. Er will seiner Tochter Molly so viel erzählen, schafft es aber nicht, seine Gedanken zu ordnen. In seinem Kopf vermischen sich die Gegenwart und die Erinnerungen an verschiedene wichtige Ereignisse zu unterschiedlichen Zeitpunkten seines Lebens. Die Regisseurin Sally Potter arbeitet mit Rückblenden beziehungsweise mit Traumsequenzen. Diese Szenen in Leos Fantasie sind durch besonders intensive Farben oder weitaus schnellere Bewegungsabläufe in Kamera und Schnitt gekennzeichnet und zudem wesentlich künstlicher inszeniert. Momente im Hier und Jetzt werden betont realistisch dargestellt. Der Film lebt von Javier Bardems atemberaubender Performance, wenn er Leos Verzweiflung, Traurigkeit und seine Abwesenheit perfekt zum Ausdruck bringt. Dabei stimmt seine Unfähigkeit, sich vorwärts zu bewegen, absolut mit einem von Sally Potters Lieblingsthemen überein: Transition.

Di. 22.09.2020 / 20:00

DIE SCHÖNSTEN JAHRE EINES LEBENS

52 Jahre nach „ein Mann und eine Frau“ inszeniert Claude Lelouch die Wiederbegegnung seines legendären Paars Jean-Louis Trintignant und Anouk Aimée.

© 2020 Wild Bunch

Jedes Mal, wenn Anne ihn in dem Altenheim „Sitz des Stolzes“ besucht, muss sie sich Jean-Louis erneut vorstellen. Jedes Mal hält er sie für einen Neuzugang. Sie bleibt eine Unbekannte für ihn, mithin eine mögliche Eroberung. Aber zugleich scheint sie ihm vertraut: Ihr Blick und ihre Geste, mit der sie ihre Haarsträhne zurückstreift, wecken seine schönsten Erinnerungen. Das Vergessen ist das Wunder des Entdeckens. Vor einem halben Jahrhundert haben die zwei Filmgeschichte geschrieben, als sie sich am Strand von Deauville verliebten. Damals war sie ein Skriptgirl und er ein gefeierter Rennfahrer. Nun sitzt Jean-Louis im Rollstuhl. Sein fürsorglicher Sohn hat die Wiederbegegnung mit Anne eingefädelt. Sie zögert erst, denn es ging damals nicht gut aus mit ihnen. 1966 war „Ein Mann und eine Frau“ ein weltweites Phänomen: ein Wechselbad aus ungenierter Sentimentalität und dem Aufbruchsgeist der Nouvelle Vague, der die Goldene Palme in Cannes gewann sowie zwei Oscars. „Die schönsten Jahre des Lebens sind die, die man noch nicht erlebt hat“ lautet das Motto Victor Hugos, das Lelouch dem Film vorangestellt hat. Mit Furor arbeitet er daran, einer altmodischen Vorstellung von Charme, Gelanterie und Verzauberung im Kino wieder Glanz zu verleihen. Wie schön!

Mo. 21.09.2020 / 20:00

SORRY WE MISSED YOU

Das typisch britisch unterkühlte Schicksal eines Zustellboten spiegelt die gesamteuropäische Situation und beeindruckt mit insistierender Tiefe.

© 2020 Filmwelt

Das nordenglische Städtchen Newcastle: wie die meisten versucht die Familie Turner mehr schlecht denn recht zu leben, besser gesagt, zu überleben und sich gegen die Unwägbarkeiten des Alltags zu wehren. Einst bewohnten sie ein Eigenheim, doch nach der Finanzkrise 2008 mussten sie es verkaufen und leben nun in einer beengten Mietwohnung. Während die Mutter einem harten Job als mobile Krankenschwester nachgeht, schlägt sich ihr Mann verzweifelt von Aushilfsjob zu Aushilfsjob durch, nie richtig arbeitslos – aber auch nie richtig angestellt. Das Geld reicht nicht für ein wenig Lebensqualität. Ken Loachs Film über diesen Überlebenskampf der Familie Turner gehört zu seinen eindringlichsten und schönsten der letzten Zeit. Unaufgeregt und frei von Klassenpathos erzählt Loach mit großer Menschlichkeit, die sich allein dank empathischer Alltagsbeobachtungen einstellt. Es gibt keine Krisen zu bewältigen, aber der Alltag selbst ist eine einzige Krisensituation. Auch wenn der Schauplatz des Films England ist, kann man die Strukturen in ganz Europa finden, in allen Ländern, in denen die Sozialsysteme zunehmend schwächer werden und Profitdenken längst zur alles überstrahlenden Hauptsache geworden ist.

So. 20.09.2020 / 20:00

EIN VERBORGENES LEBEN

Ein Beitrag zum Kulturprojekt “75 Jahre Frieden“.

© 2019 Pandora

Das Filmdrama erzählt die Lebensgeschichte des österreichischen Bauern Franz Jägerstetter, der aus Gewissensgründen den Kriegsdienst bei der Wehrmacht verweigerte und 1943 in Brandenburg von den Nationalsozialisten hingerichtet wurde. In dem mehrfach ausgezeichneten Film von Terrence Malick gibt es keine Schlachtfelder, sondern nur Weizenfelder, dennoch ist „Ein verborgenes Leben“ uneingeschränkt ein intensiver Kriegsfilm. Es ist nur so, dass der hier gezeigte Kampf ein innerer zwischen einem Christen und seinem Gewissen ist.

So. 20.09.2020 / 11:00

ANTON BRUCKNER – DAS VERKANNTE GENIE

Eine Dokumentation über das Gesamtwerk des Komponisten.

© 2020 Arsenal Film

Der Komponist Anton Bruckner (1824-1896) gilt heute zu den wichtigsten Vertretern der Romantik. Aufgrund vieler Missverständnisse und Vorurteile wurde Bruckner zu Lebzeiten lediglich als Organist geschätzt. Seine außergewöhnlichen Sinfonien trafen damals nicht den Zeitgeist. Mit dem Wissen der Moderne blicken bedeutende Dirigenten wie Sir Simon Rattle, Kent Nago und Valery Gergiev auf das Gesamtwerk zurück und bescheinigen, dass   der Österreicher als Genie der Töne zu sehen ist. Unter der Leitung von Valery Gergiev geben die Münchener Philharmoniker Werke von Anton Bruckner zum Besten.

Mo. 14.09.2020 / 20:00

UNDINE

Das mythische Wesen findet seine Verzauberung im Hier und Jetzt.

© 2020 Piffl Medien

Das Drama orientiert sich frei an dem bereits vielfach adaptierten Undine-Mythos. Der Regisseur Christian Petzold, der auch das Drehbuch zum Film schrieb, verlegte die Sage um die unheilvolle Wasserfrau ins Berlin der Gegenwart: Die studierte Historikerin Undine arbeitet in einer Senatsstelle für Stadtentwicklung und bietet Stadtführungen an. Als ihr Freund Johannes die Absicht verkündet, sich von ihr trennen zu wollen, wird Undine von einem Fluch eingeholt. Sie ist ein Elementargeist und dazu bestimmt, den Verrat ihres Freundes mit dessen Tod zu rächen und ins Wasser zurückzukehren, aus dem sie einst gerufen wurde. Aber Undine wehrt sich gegen diese Bestimmung und will weder ihren Freund töten noch Berlin verlassen. Durch Zufall macht sie die Bekanntschaft mit Christoph, der als Industrietaucher arbeitet. Undine verliebt sich in ihn und beide verbringen eine glückliche Zeit miteinander. Christoph ist von ihrer Bildung beeindruckt und zeigt ihr seine Welt unter Wasser, die sie schon kennt. Undine liebt wiederum seinen Spürsinn. Als Christophs Gespür ihm sagt, dass Undine vor etwas davonläuft, fühlt er sich selbst von ihr verraten. Undine muss daraufhin eine Entscheidung treffen. Wird ein Fluch niemals aufgehoben, sondern allenfalls umgelenkt? Und welcher Opfer bedarf es, um am Ende die Unschuldigen zu schützen? Christian Petzold findet schöne und schlüssige Antworten.

So. 13.09.2020 / 11:00

RUBEN BRANDT, COLLECTOR

Ein grandioser Ritt durch die Kunstgeschichte und ein Riesenspaß.

© Indeed Film

Nun hätten wir an diesem Wochenende unsere vertraute, geliebte Landsberger Kunstnacht haben sollen. Bedauerlicherweise kommt uns Corona übermächtig in die Quere. Wir haben uns um ein „Trostpflaster“ bemüht: Ruben Brandt, ein Psychotherapeut, wird in seinen Träumen von berühmten Bildern der Kunstgeschichte verfolgt. Um seinen Seelenfrieden wiederzuerlangen, beauftragt er (völlig durchgeknallt) die kleptomanische Zirkuskünstlerin Mimi und ihre Bande  professioneller Kunsträuber, weltbekannte Meisterwerke u.a. aus den Uffizien, dem Louvre, dem Musée d‘orsay und der Ermitage zu stehlen. Erst wenn alle Meisterwerke sich in seinem Besitz befinden, hofft er wieder einen ruhigen Schlaf finden zu können. Geht uns ja möglicherweise nicht viel anders! Man muss aber auch nicht unbedingt ein Kunstliebhaber sein, um diesen höchst originellen Animationsfilm genießen zu können. Wie genüsslich der Maler, Multimediakünstler und Animationsfilmregisseur Milorad Krstić die Kunstszene mit dem organisierten Verbrechen assoziiert, macht einen Riesenspaß. Das ist voller Ironie, visuell absolut berauschend und auch Soundtrack und Musik sind mitreißend. So schafft es der Filmemacher, gleich mehrere Genres zu bedienen, ganz en passant ein wenig Nachhilfe in Malerei, Musik und Filmgeschichte zu geben und dem Zuschauer ein großes Vergnügen zu bereiten. Fast wie die Landsberger Kunstnacht…