ARCHIV FÜR Oktober 2020

Mo. 26.10.2020 / 20:00

Über die Unendlichkeit

Roy Anderssons Blick auf das menschliche Treiben, die Lächerlichkeit und die Größe unserer Existenz.

© 2019 Neue Visionen

Stetig wiederkehrende Motive in diesem lakonischen Kaleidoskop aus Alltäglichem und Existenziellen sind Krieg und Zerstörung, sei es in Gestalt endloser Kolonnen von Kriegsgefangenen oder im Blick in den Führerbunker, wo desolate Gestalten das Ende erwarten. Doch da gibt es auch jene Szene, die heraussticht wegen ihrer traumhaft-entrückten Schönheit: Über dem völlig ausgebombten Köln, einer apokalyptischen Szenerie, schwebt ein Liebespaar, eng umschlungen – ein Bild, das von der Unzerstörbarkeit der Liebe erzählt. Und es gibt Momente von überraschender Leichtigkeit, etwa wenn ein paar Mädchen ganz spontan zu tanzen beginnen. Oder: ein Mann bindet seiner kleinen Tochter mitten in einem Wolkenbruch die Schuhe. Einfache Geschichten von der Absurdität des Alltags, von Leid und Vergänglichkeit und von anrührenden Glücksmomenten. Letztlich eine große Liebeserklärung an all das, was man zusammengenommen Leben nennt.

Di. 20.10.2020 / 20:00

Hors Normes/ Alles außer gewöhnlich OmU cinema français

Eine neue französische Sozialkomödie des Regieduos Éric Toledano und Olivier Nakache (Beste Freunde)

© 2000 - 2019 prokino filmverleih

Der Film erzählt die wahre Geschichte von zwei Männern, die von dem Willen beseelt sind, die Welt für sich und für andere besser zu machen. Bei ihrer Arbeit mit autistischen jungen Menschen in Paris vollbringen Bruno und Malik – der eine Jude, der andere Muslim – tagtäglich kleine Wunder. Über gesellschaftliche Grenzen hinweg gelingt es den beiden, mit viel Engagement, Feingefühl und Humor aus vielen unterschiedlichen Persönlichkeiten eine Gemeinschaft zu bilden, in der jeder Einzelne die Chance bekommt, über sich hinaus zu wachsen. Die Kamera ist immer ganz nah bei den Protagonisten und so taucht man unmittelbar ein in den Alltag, die Konflikte, aber auch in die Fröhlichkeit und Schönheit der einzelnen Momente, in denen neben allen Problemen vor allem auch die Einzigartigkeit eines jeden Menschen gefeiert wird. Ein sorgfältig recherchierter Film, der einen liebe- und respektvollen Blick auf alle Protagonisten wirft und dem es mit großer Wärme und Leichtigkeit gelingt, ein gesellschaftlich hochrelevantes Thema zu erzählen.

Mo. 19.10.2020 / 20:00

The Song of Names

Die Verfilmung des gleichnamigen Romans ist einer der schönsten, aber auch wehmütigsten Filme, die man dieses Jahr im Kino erleben kann.

©2020 Kinostar

Der Titel bezieht sich auf ein jüdisches Ritual: Die Namen der Toten des Holocausts werden gesungen, um sie nicht zu vergessen. Erzählt wird die Geschichte von zwei Jungen, die wie Brüder aufwuchsen, aber der eine ein Genie mit der Violine, verschwand am Tag seines ersten großen Konzerts. Und der andere hat seitdem niemals die Suche nach ihm aufgegeben. Die Hauptfiguren Dovidl und Martin sind gebrochen. Dovidl, weil er das Schicksal seiner Familie nie verwunden hat, Martin, weil er das plötzliche Verschwinden des Bruders nie verarbeiten konnte. Ihrer beider Leben wurde aus der Bahn geworfen. Sie fanden Ihren Weg, aber nicht unbedingt den, den sie sich als junge Männer erträumt hatten. François Girard hat einen beeindruckenden Film aus der Romanvorlage gemacht. Er versteht es meisterhaft, mit drei Zeitebenen zu jonglieren, zeigt Martin und Dovidl als Kinder, als junge und als alte Männer – und jedes Mal sind sie unterschiedliche Menschen, weil das Leben sie verändert hat. Tim Roth und Clive Owen spielen hervorragend, aber auch die jüngeren Versionen ihrer Figuren sind exzellent besetzt. Das Finale ist ein Moment, der ein ganzes Leben beschreibt und der – zum besseren oder zum  schlechteren – sowohl Martin als auch Dovidl den Frieden bringt, den sie so lange ersehnt haben.

Mo. 12.10.2020 / 20:00

Das Vorspiel

Ein Filmdrama, das auf Internationalen Film Festivals mit vielen Auszeichnungen bedacht wurde.

© 2019 Judith Kaufmann, Port au Prince Pictures

Anna Bronsky ist Geigenlehrerin an einem Musikgymnasium. Sie setzt gegen den Willen ihrer Kollegen die Aufnahme eines Schülers durch, den sie für sehr talentiert hält. Engagiert bereitet sie diesen auf die Zwischenprüfung vor und vernachlässigt dabei ihre Familie: Ihren Sohn Jonas, den sie in Konkurrenz zu ihrem neuen Schüler bringt und ihren Mann Philippe. Ihr Kollege Christian, mit dem sie eine Affäre hat, überredet sie in einem Quintett mitzuspielen. Als Anna in einem Konzert als Geigerin versagt, treibt sie ihren Schüler zu Höchstleistungen an. Am Tag der entscheidenden Zwischenprüfung kommt es zu einem folgenschweren Unglück.

Der Film erhielt auf den Filmfestspielen in San Sebastian und Stockholm sowie auf dem Filmfest Hamburg Auszeichnungen für die Regie und das Drehbuch. Nina Hoss wurde als Beste Schauspielerin ausgezeichnet.

Mo. 05.10.2020 / 20:00

DREIVIERTELBLUT – WELTRAUMTOURISTEN

Kunstvoll inszenierte Klänge: Doku über die oberbayerische Band, die diesem Film ihren Namen gibt.

© 2020 24 Bilder

Dass er einmal in einer Band spielen würde, die Songs auf Bayerisch singt, das hätte Gerd Baumann noch vor zehn Jahren nicht gedacht. Inzwischen ist der Gitarrist, Komponist und Filmmusiker zusammen mit dem Sänger und Songtexter Sebastian Horn damit sehr erfolgreich. Gemeinsam gründeten sie 2012 die Band „Dreiviertelblut“. Filmemacher Marcus H. Rosenmüller, der mit den beiden Musikern befreundet ist, hat zusammen mit seinem Co-Regisseur Johannes Kaltenhauser einen Dokumentarfilm über die Band gedreht. Der Film zeigt zwei Konzerte in München, einmal im Prinzregententheater, einmal im Circus Krone, und lässt die Musiker an außergewöhnlichen Orten zu Worte kommen. Die sympathische Art der Protagonisten, Auskunft über ihre musikalische Motivation zu geben und spielerisch zu philosophieren, lässt den gesamten Film sehr entspannt und unterhaltsam wirken. Die kunstvoll zwischen Konzertbühne und anderen Schauplätzen wechselnde Montage verwebt die einzelnen Momenteindrücke zu einem dichten Gesamtbild. Das Ergebnis ist ein ganz wunderbarer Film, den man nicht versäumen sollte!

So. 04.10.2020 / 20:00

BERLIN ALEXANDERPLATZ

Alfred Döblins Protagonist Franz Biederkopf heißt heute Francis und ist ein Flüchtling aus Westafrika.

© 2019 eOne Germany

DIE ZEIT schwärmt: „Wo soll man anfangen bei diesem Film? Diesem Kosmos an Farben, Tönen, dieser Lebens- und Liebesgeschichte, die einen drei Stunden lang in den Kinosessel drückt. Diesem Werk, das man ohne Übertreibung gewaltig nennen kann. BERLIN ALEXANDERPLATZ ist weit mehr als ein großer Schauspielerfilm und eine virtuose Literaturverfilmung – es ist eine Parabel gegen den Rassismus. Gegen das Wegschauen.“ Verleihung des Deutschen Filmpreises: Bester Spielfilm und fünf weitere Hauptpreise!

So. 04.10.2020 / 11:00

SCHLINGENSIEF – IN DAS Schweigen HINEINSCHREIEN

Christoph Schlingensiefs Wirken als ein Leben + Werk umspannendes Gesamtkunstwerk.

© 2020 Filmgalerie 451

Ein Film über den 2010 mit 49 Jahren verstorbenen Film- und Theaterregisseur und Aktionskünstler, der über mehrere Jahrzehnte hinweg ein künstlerisches Werk geschaffen hat, das in seiner Art und Wirkung unvergleichbar ist und den kulturellen und politischen Diskurs in Deutschland  mitprägte. Der Fokus des Films liegt auf Schlingensiefs  Auseinandersetzung mit Deutschland. Sein Verhältnis zu Deutschland war widersprüchlich. Dass er 2004 in Bayreuth Wagners “Parsifal“ inszenieren durfte und später die Einladung erhielt, den deutschen Pavillon der Biennale in Venedig zu Venedig zu gestalten, erfüllte ihn aber auch mit Stolz.