ARCHIV FÜR Oktober 2019

Do. 31.10.2019 / 20:00

THE DEAD DON´T DIE

Ein Geschenk von Jim Jarmusch zu „Halloween“ und als derbe Kritik an Trump-Amerika.

© C2019 Universal Picture international germany GmbH

In der kleinen Gemeinde Centerville ist plötzlich alles anders: Uhren bleiben stehen, Mobiltelefone funktionieren nicht mehr, Sonnenauf- und untergang verschieben sich, vor allem aber erwachen die Toten zum Leben. „Das wird nicht gut enden“ sagt Polizist Ronnie  und wird schon bald mit seiner Prognose Recht behalten. Sein Vorgesetzter, Polizeichef Cliff Robertson, ist anfangs irritiert, akzeptiert jedoch schnell die Schicksals-Prognose. Doch der Regisseur Jim Jarmusch bedient die Klischees und Erwartungen des Genres nicht einfach, sondern stellt sie betont offensiv aus. Seine Gesellschaftskritik, sein Bloßstellen einer Kultur, die sich allzu oft in oberflächlicher Zitatenspielerei, Likes und Herzchen ergeht und definiert, ist so unsubtil, dass sie kaum ernst zu nehmen ist. Und das ist vielleicht der Punkt eines Films, der zu klug ist, um zu glauben, dass sich durch ihn etwas an den Zuständen ändern könnte. Aktivismus überlässt Jarmusch lieber anderen. Er und sein illustrer Cast haben lieber 100 Minuten Spaß an grotesken Absurditäten, am Spiel mit Genremustern. Wenn die Welt schon verkommt, sollte man zumindest nicht seinen Humor verlieren.

Mo. 28.10.2019 / 20:00

DR. SELTSAM ODER: WIE ICH LERNTE, DIE BOMBE ZU LIEBEN

Einer der radikalsten, bittersten und treffsichersten Filme zum Thema Krieg.

©1964 Sony Pictures

Der geistesgestörte US-General Jack D. Ripper verschanzt sich in seinem Luftwaffenstützpunkt und setzt die atomare Vernichtungsmaschinerie gegen Sowjetrussland in Gang. Der Präsident der USA ist vollkommen hilflos, der sowjetische Parteichef am anderen Ende des “heißen Drahts“ wirkt leicht alkoholisiert. Die “Falken“ im Krisenstab des Weißen Hauses sehen dem Ernstfall eher gelassen entgegen. Als General Ripper sich in einem Anfall von Schwermut das Leben nimmt und das Codewort zum Rückruf der Bomber endlich gefunden wird, ist es zu spät. Während der nukleare Gegenschlag anrollt, erscheint Dr. Seltsam aus der Versenkung: ein deutscher Wissenschaftler, der dem Pentagon seine makabren Überlebens- und Herrenmensch-Theorien darlegt, wobei sich sein Arm immer wieder zwanghaft zum Hitlergruß streckt. Stanley Kubricks böse Atomkriegs-Satire zeigt die militärischen und politischen Umtriebe konsequent als Pandämonium des Irrsinns. Die groteske Stilisierung der Figuren und Schauplätze entlarvt das “Gleichgewicht des Schreckens“ als labiles Konstrukt, das jederzeit durch banale Zufälle und menschliche Schwächen zum Alptraum werden kann.

Di. 22.10.2019 / 20:00

LORO – DIE VERFÜHRTEN Cinema Italiano OmU

Der Versuch einer Abrechnung mit Italiens Korruptionskomplikationen unter Silvio Berlusconi.

© 2018 DCM

Abgründig porträtiert die Politfilm-Ikone Paolo Sorrentino nun diesen polarisierenden Polit-Proleten. Der Titel „Loro“ heißt übersetzt „Sie“ und meint jenen opportunistischen Rektal-Hofstaat Berlusconis, der ihn umschleimt, umwirbt und ihn immer wiederwählt. Macht korrumpiert, am meisten sich selbst. Wir betrachten mit voyeuristischem Staunen auf amüsant satirische Manier, wie Bella Italia formvollendet fehlfunktioniert und zum Scheitern verurteilt bleibt, wie die aktuelle Lage der Nation beweist.

Mo. 21.10.2019 / 20:00

NUREJEW – THE WHITE CROW

Der Film basiert auf dem Buch „Rudolf Nurejew: The Life“ von Julie Kavanagh.

© 2019 Alamode Film

Er spielt im Kalten Krieg der 1960er Jahre, als die Sowjets beschlossen hatten, das Kirov-Ballett mit seinem Star Rudolf Nurejew zu einem Gastspiel nach Paris zu schicken. Die Premiere findet am Palais Garnier statt, aufgeführt wird “La Bayadére“. Nurejew tanzt die Rolle des Solor, sein Auftritt wird ein Riesenerfolg und macht ihn mit einem Schlag im Westen berühmt. Mit seinem ungestümen Temperament gelingt es ihm immer wieder, sich seinen Bewachern zu entziehen. Mit Hilfe des Sohnes des französischen Kulturministers André Malraux gelingt Nurejew schließlich auf dem Pariser Flughafen Le Bourget der Absprung in den Westen.

Mo. 14.10.2019 / 20:00

IM WINTER EIN JAHR in Kooperation mit dem Hospiz- und Palliativverein Landsberg e.V.

Der Film behandelt die Verarbeitung einer familiären Katastrophe und den Umgang mit Trauer.

© Constantin Film Verleih

Anke Sterneborg schrieb in der Süddeutschen Zeitung: „Kaum ein deutscher Film hat so weite Räume gestaltet. Die Regisseurin Caroline Link umspielt geheimnisvoll und ganz behutsam die Leerstelle, die der Selbstmord eines Achtzehnjährigen in einer Familie hinterlassen hat. Aus einzelnen Tönen entsteht dabei ganz langsam die Melodie des Films, und so wie sich aus vielen Details ein Bild fügt, erwächst aus der Fülle von Erinnerungen die Geschichte. Trotz seiner Tiefe wirkt der Film schwebend und bietet einen seltenen schauspielerischen Reichtum.“ Auch die FAZ-Rezensentin Verena Lueken betont, was für ein großes Kapital das deutsche Kino in seinen Schauspielern habe. Und sie fährt fort: „Der ganze Film hat angesichts des Themas von Tod und Trauer eine verblüffende Leichtigkeit. Es geht um die größten, die ernstesten Gefühle. Aber die Regisseurin zwingt sie dem Zuschauer nicht auf, sie lässt sie ganz bei den Figuren und betrachtet sie mit Diskretion.“ Aus der Geschichte hätte alles Mögliche werden können, etwas Pompöses, Weinerliches, Pathologisches. Stattdessen sehen wir, was früher einmal Trauerarbeit hieß, und haben das Gefühl, ja, so könnte es gehen. Ein großer Film!

So. 13.10.2019 / 20:00

YESTERDAY

Eine Welt ohne die Beatles – ohne John, Paul, George, Ringo und ihre Songs – eigentlich unvorstellbar!

© 2019 Universal Picture international germany GmbH

Doch Regiestar Danny Boyle und sein begnadeter Drehbuchautor Richard Curtis nehmen genau dieses Thema und wirbeln es gründlich durcheinander. Beide haben gemeinsam eine Liebeserklärung an die Beatles und ihre Musik geschaffen, eine Verbeugung vor den Fab Four, die vielleicht mehr mit dem künstlerischen Selbstverständnis der beiden Filmemacher zu tun hat, als man denkt, auf jeden Fall aber mit dem alten Wunsch nach Unsterblichkeit. Das hört sich ein bisschen pathetisch an, aber ein bisschen Pathos gehört schließlich in jede Komödie. Manche Szenen könnten unvergesslich werden und damit den Film unsterblich machen. Am Ende heißt es „All you need is Love“, und diese größte aller Beatles-Hymnen setzt den Schlusspunkt unter den Gute-Laune-Film der Extraklasse.

So. 13.10.2019 / 11:00

ITZHAK PERLMAN – EIN LEBEN FÜR DIE MUSIK

Auch eine Migrationsgeschichte: das Porträt des jüdischen Geigenvirtuosen.

© 2018 Arsenal Filmverleih

Die Eltern des heute 74-jährigen Polio-Überlebenden sind von Polen nach Israel emigriert. 1958 begann er ein Musikstudium an der New Yorker Juilliard-School. Im gleichen Jahr sorgte ein Auftritt in der “Sullivan Show“ für internationales Aufsehen. Während seiner musikalischen Ausbildung hatte Perlman mit Vorurteilen wegen seiner Behinderung zu kämpfen, überzeugte aber mit seinem unglaublichen Talent und gehört heute zu den ganz Großen.

Di. 08.10.2019 / 20:00

DOLOR Y GLORIA / LEID UND HERRLICHKEIT Cine Español OmU

Pedro Almodóvar dreht mit 70 seinen persönlichsten und einen seiner schönsten Filme.

© 2019 Studiocanal GmbH

Spätestens wenn das Plakat zu Fellinis autobiographischen Meisterwerk „8 ½“ an einer Wand zu sehen ist, dürfte deutlich sein, dass der ohnehin stets aus seinem Leben schöpfende Pedro Almodóvar diesmal besonders nah an seinen eigenen Erfahrungen erzählt. Einige Male hatte er schon Episoden aus seiner Kindheit verwendet, zuletzt in „Schlechte Erziehung“, der seine Erfahrungen auf einem katholischen Internat thematisierte, diesmal geht es um einen älteren Künstler, einen weltweit erfolgreichen schwulen Regisseur, der seine wilden Jahre in Madrid verbrachte. Diese Version Almodóvars spielt Antonio Banderas, der seit 30 Jahren mit dem Regisseur befreundet ist und in etlichen seiner Filme mitgespielt hat. Nach Jahren in Hollywood und ein vor wenigen Jahren erlittener Herzanfall hat sich sein Blick aufs Leben geändert, ein neuer Erfahrungsschatz, den er hier einsetzt. So zart und verletzlich wie in “Leid und Herrlichkeit“ wirkte Banderas noch nie. Ohne in Pathos und Melodram zu fallen, zeigt er den Versuch, mit seiner Vergangenheit ins Reine zu kommen. Kurz vor seinem 70. Geburtstag hat Pedro Almodóvar einen Film gedreht, der einerseits sein Œuvre konsequent fortsetzt, andererseits aber auch eine neue Richtung einschlägt: Hin zu einem Kino, das seine Kraft nicht mehr aus Exzess oder melodramatischer Übertreibung schöpft, sondern sich ganz aus den Emotionen seiner Figuren speist. Ein großer Film von einem großen Regisseur!

Mo. 07.10.2019 / 20:00

ONCE UPON A TIME IN HOLLYWOOD

Quentin Tarantinos mitreißende Lust, einer untergegangenen Epoche des Hollywood-Kinos ein Denkmal zu setzen.

© 2019 Sony Pictures

Hollywood, 1969. Rick Dalton (Leonardo DiCaprio) ist Schauspieler, der sich seit Jahren mit Fernsehproduktionen über Wasser hält. Einst war er auf dem Sprung zum Leinwandstar, doch inzwischen ist seine Karriere absteigend. Sein ständiger Begleiter ist Cliff Booth (Brad Pitt), der früher Ricks Stuntman war, nun jedoch eine Art Mädchen für alles ist. Während Cliff allein mit seinem Hund in einem Wohnwagen wohnt, lebt Rick in den Hollywood Hills. Seit einigen Monaten hat er neue Nachbarn: Der Starregisseur und seine Frau Sharon Tate sind dort eingezogen und genießen das Leben zwischen Palmen und mondänen Partys. Während Rick dank seines umtriebigen Agenten Marvin Schwartz (Al Pacino) das Angebot bekommt, in Rom einen Spaghetti-Western zu drehen, läuft Cliff immer wieder ein junges Hippie-Mädchen über den Weg, mit der er schließlich in eine ehemalige Western-Stadt geht, in der sich eine Hippie-Clique eingenistet hat, angeführt von Charles Manson. Der wahre Hauptdarsteller des Films aber ist Hollywood, vielleicht auch der Mythos eines Hollywoods, wie es in dieser Form nie existiert hat. Es ist die bildreiche Liebeserklärung  an das Kino und eine Filmstadt.

Di. 01.10.2019 / 19:00

TRANSIT

Ein Film zum Thema “Heimat“ in Kooperation mit der VHS / studium generale.

© 2018 Schramm Film

Anna Seghers´ Roman “Transit“ handelt von der Flucht eines Deutschen, der während des Zweiten Weltkriegs vor den Nationalsozialisten nach Frankreich flieht. Christian Petzold hat das Buch verfilmt, als spiele es in der absoluten Gegenwart. Die deutschen Truppen stehen bereits vor Paris. Georg entkommt noch im letzten Moment nach Marseille. Der Film erzählt nun die Geschichte einer großen, fast unmöglichen Liebe zwischen Flucht, Exil und der Sehnsucht nach einem Ort, der ein Zuhause ist. Es ist eine umwerfende Literaturverfilmung, der das Kunststück gelingt, einen historischen Stoff zeitlos zu erzählen. „Eine Windstille der Geschichte“ spüre er darin, sagt Christian Petzold zu diesem unbedingt sehenswerten Film. Die Hauptrollen spielen Franz Rogowski (European Shooting Star 2018) und Paula Beer (nominiert zum Europäischen Filmpreis für ihre Hauptrolle in François Ozons „Frantz“). Matthias Brandt spielt die erzählende Figur, die die Bilder des Films mit Sätzen von Anna Seghers aus dem Off kommentiert.

Moderiert wird der Abend von Matthias Helwig, Betreiber der Arthouse-Kinos BREITWAND und Leiter des “fünf seen film festivals“. Nach dem Film sind die Zuschauer eingeladen, mit Matthias Helwig zu diskutieren.

Eintritt 10€, Anmeldung über die VHS Tel 08191 128111, Kursnummer 5001, oder an der Abendkasse ab 18:30 Uhr