ARCHIV FÜR März 2018

Do. 29.03.2018 / 20:00

ERBARME DICH! – MATTHÄUS PASSION STORIES OmU

Eine eindrückliche und anregende moderne Interpretation der “Matthäus Passion“.

© Salzgeber

Um die unsterbliche Faszination der “Matthäus Passion“ von Johann Sebastian Bach zu erkunden, greift der niederländische Filmemacher Ramón Giesling auf einen besonderen Kunstgriff zurück: In einer halb verfallenen Kirche in Amsterdam bringt er einen Obdachlosen-Chor mit professionellen Musikern zusammen, um sie gemeinsam eine Aufführung des Oratoriums proben zu lassen. Bachs Musik visualisiert er mit einer poetischen Bildsprache, die sich an der holländischen Malerei des 17. Jahrhunderts orientiert, aber auch an frühere Anleihen des Stoffs wie Pier Paolo Pasolinis “Matthäus Passion“ transparent macht. Eingebettet in die eindrucksvolle Darbietung des Stücks berichten Musiker und Künstler wie der Opernregisseur Peter Sellars der Maler Rinke Nijburg oder die Schriftstellerin Anna Enquist von ihrer ganz persönlichen Beziehungen zu Bachs Werk: von Angst und größter Ekstase, von Schuld und tiefer Trauer. Den privaten Erfahrungsfragmenten stellt der Film Nachrichtenmeldungen gegenüber, die die universelle Bedeutung von Schmerz und Leiden deutlich machen. „Erbarme Dich“ wird so zu einem Film, der den religiösen Ursprung seiner Musik weit transzendiert. Die Presse nach der Uraufführung des Films: „Was alle Figuren teilen ist das erlösende Moment der Musik, einer Musik, die sich ihrer erbarmt und die sie ihre eigene Passion finden lässt.“ Es ist ein Werk herausfordernder Filmkunst, das zunächst verunsichert und provoziert, aber dann im Verlauf des Werkes mehr und mehr berührt, betrifft, herausfordert und schließlich tief beglückt.

Di. 27.03.2018 / 20:00

AUSERWÄHLT UND AUSGEGRENZT – Der Hass auf Juden in Europa

Joachim Schroeder wird persönlich anwesend sein und berichten, mit welchen Hindernissen er schon vor Beginn der Dreharbeiten mit Vorurteilen gegen das Thema zu kämpfen hatte und wie die Situation nach der Fertigstellung eskalierte. Daran schließt sich eine Diskussion an.

© Joachim Schröder

Der 90-minütige Dokumentarfilm über den europäischen Antisemitismus von Joachim Schroeder und Sophie Hafner ist zu einem öffentlichen Skandal geworden. Im Auftrag des WDR wurde der Film für den deutsch-französischen Fernsehsender Arte produziert. Joachim Schroeder und Sophie Hafner haben in Deutschland, Frankreich und in den von Israel besetzten Gebieten Palästinas gefilmt, um die gängigsten antisemitischen Erzählungen auf ihre Substanz und moderne anti-zionistische Ressentiments zu untersuchen. Der Dokumentarfilm wird öffentlich kontrovers diskutiert. Am 13. Juni 2017 veröffentlichte das Newsportal Bild.de den Film für die Dauer von 24 Stunden. Nach Prüfung und Nachbearbeitung wurde er am 21. Juni 2017 in der ARD ausgestrahlt. Dennoch steht der Film weiterhin in der Kritik und ist umstritten.

Auch dieser Abend ist ein Teil der Veranstaltungen im Rahmen der “Internationalen Jüdisch-Deutschen Festwoche“. Der Eintritt ist frei.

Mo. 26.03.2018 / 20:00

LIZA RUFT!

Porträt einer jüdischen Partisanin.

© KASSIBER FILM

Das bewegende Filmporträt des Berliner Regisseurs Christian Carlsen begleitet die heute 95-jährige jiddischsprachige Fanja Brancowskaja auf ihren Lebensspuren nach Litauen: in das ehemalige Wilnaer Ghetto, in die Wälder um Vinius und an die Massenerschießungsstätte in Ponar. Dabei zeigt sich, dass die Vergangenheit noch nicht vergangen ist. Seit rund zehn Jahren gibt es undurchsichtige Manöver des Litauischen Staates, die auf eine Rufschädigung der früheren sowjetischen Partisanen zielen, sowie publizistische Angriffe aus rechtsnationalen Kreisen gegen Frau Brancowskaja. „Liza ruft!“ ist ein politischer Dokumentarfilm über den Holocaust, den jüdischen Widerstand und den aktuellen Stand der Erinnerungspolitik in Litauen. Im Gespräch mit Fanja Brankowskaja, ihren Angehörigen und Weggefährten zeichnet der Film das lebendige Bild einer beeindruckende Frau, die beides ist: ein Opfer fortwährender Verfolgung ebenso wie eine streitbare Akteurin im Kampf um Aufklärung.

Im Anschluss an die Filmvorführung findet ein Gespräch mit dem Filmemacher und Historiker Christian Carlsen statt.

Der Film ist ein Teil der Veranstaltungen im Rahmen der “Internationalen-Jüdisch-Deutschen Festwoche“ und zum “Wolf Durmashkin Composition Award“. Der Eintritt ist frei.

Do. 22.03.2018 / 20:00

MEIN LEBEN OHNE MICH

Ein Filmabend in Zusammenarbeit mit dem Hospiz- und Palliativverein Landsberg e.V..

© 2003 Tobis

Dieser Film über den Umgang des Menschen mit dem Tod gehört zu den seltenen Filmen, die einen tief bewegen, ohne dass auf der Leinwand irgendetwas Gewaltiges geschähe. Es ist eher die zärtliche Geschichte eines leisen Adieus, das Mut macht – tragisch, tröstlich und keine Spur pathetisch: Die 23-jährige Ann lebt mit ihrem Mann und zwei kleinen Töchtern in einem Wohnwagen im Garten ihrer Mutter. Das erste Kind bekam sie mit 17, sie brach ihre Schulausbildung ab und arbeitet als Nachtputzfrau an der Universität. Ihr Leben ändert sich schlagartig, als sie erfährt, dass sie an Eierstockkrebs erkrankt ist und nur noch 2-3 Monate zu leben hat. Sie verweigert eine Behandlung und entschließt sich, niemandem zu erzählen, dass sie sterben muss, nicht einmal ihrer Familie. Scheinbar führt sie ihr Leben weiter wie bisher. Sie setzt sich in ein Café und schreibt eine Liste von Dingen, die sie tun möchte, bevor sie stirbt. Neben scheinbar banalen Alltäglichkeiten wie die Veränderung ihrer Frisur möchte sie zum ersten Mal Sex mit einem anderen Mann haben, da ihr Mann ihr erster und einziger Mann ist. Und sie wünscht sich, dass sich jemand in sie verliebt. Gleichermaßen regelt sie die Zeit nach ihrem Tod: Sie sucht eine neue Frau für ihren Mann und bespricht Kassetten für die Geburtstage ihrer beiden kleinen Töchter bis zu deren 18. Lebensjahr.

Di. 20.03.2018 / 20:00

NERUDA OmU

Eine geniale Kombination aus Leben, Legende, Poesie und Mythos.

© 2016 Piffl Medien GmbH

Der Regisseur Pablo Larraín über seinen Film:„ NERUDA ist ein Biopic, das keines ist. Es ist nahezu unmöglich, Pablo Neruda in eine Schublade zu legen, er ist dazu ein unendlich komplexer Künstler. Wir wollten einen Film mit spielerischen, fiktionalen Elementen machen, mit dem wir Neruda ein Stück seines Weges begleiten und in seine Dichtung, seine Ideen und seine politischen Überzeugungen eintauchen können. In der Zeit, in der unser Film spielt, hat Neruda einen großen Teil seines „Canto General“ geschrieben, sein  vielleicht bedeutendstes und sicher riskantestes Buch. Während er selbst auf der Flucht war, schuf er eine kosmische Beschreibung Lateinamerikas, ein Werk voller Einbildungskraft, Zorn, Verzweiflung  und Zärtlichkeit. Das hat uns die Tür zur freien Imagination geöffnet. Neruda war ein großer Liebhaber der Küche, des Weins, der Frauen, der Literatur – das im Film auszuklammern, wäre mir nahezu grausam vorgekommen. Und falsch. Hätte er anders gelebt, hätte er diese Gedichte vielleicht nicht schreiben können. Nerudas Dichtung ist auch ein Ergebnis seines Lebens. Neruda liebte Krimis – darum ist der Film auch als Geschichte der Flucht, der Fahndung und der literarischen Legende angelegt. Der Film ist möglicherweise weniger ein Film über Neruda als einer in seinem Geist. Wir wollten einen Roman erzählen, von dem wir gerne hätten, dass Neruda ihn mit Vergnügen liest.“

Mo. 19.03.2018 / 20:00

MADAME

Das Märchen vom Aschenputtel mit bitterer Ironie und ohne Happy End.

© 2017 Studiocanal

Anne und Bob Fredericks, reiche Amerikaner, wohnen in einem noblen Anwesen bei Paris. Gelegentliche Dinner-Partys gehören zum guten Ton des sozialen Austauschs mit anderen Gutbetuchten. Als eines Abends plötzlich ein 13. Gedeck auf dem Tisch steht, weil sich der Sohn der Herrschaft überraschend selbst eingeladen hat, bittet die abergläubische Gastgeberin ihre Dienstmagd Maria in die Rolle des 14. Gastes zu schlüpfen, einer geheimnisvollen Spanierin, deren Herkunft geheim bleiben soll. Maria möge bitte! den Mund halten und vor allem bitte, bitte! nichts trinken. Doch dann leert sie vor lauter Aufregung ein Rotweinglas nach dem anderen, und bald unterhält sie die ganze Tisch-gesellschaft mit schlüpfrigen Witzen. Maria wird hinreißend gespielt von Rossy de Palma, die Muse des spanischen Regiestars Pedro Almodóvar. Sie ist eine Stilikone – vermutlich weil sie ihre schiefe Nase und eine keineswegs makellose Zahnreihe mit so viel Esprit und Eleganz präsentiert, dass man kaum anders kann, als sie dauernd anzuschauen. Zumindest geht es dem superreichen britischen Kunsthändler David so, er verliebt sich in sie und sie sich in ihn. Aber die französische Bestsellerautorin Amanda Sthers variiert in ihrer zweiten Regiearbeit das Märchen von Aschenputtel mit bitterer Ironie und lässt keinen Zweifel daran, dass nicht sein kann, was nicht sein darf.

Mo. 12.03.2018 / 20:00

TRUE WARRIORS

Ein tief beeindruckender Dokumentarfilm von Ronja von Wurmb-Seibel und Niklas Schenck.

© 2017 Filmdisposition Kino

Kabul, 11. Dezember 2014: Bei der Premiere eines Theaterstücks über Selbstmordanschläge sprengt sich ein 17 Jahre alter Junge in die Luft. Im ersten Moment klatschen einige Zuschauer – sie halten die Explosion für eine besonders realistische Szene der Inszenierung. Erst als Panik ausbricht, verstehen sie, was wirklich vor ihren Augen im Theater passiert ist. Der Dokumentarfilm „True Warriors“ erzählt die Geschichte der Schauspieler und Musiker, die an diesem Tag auf der Bühne standen. Sie wollten mit ihrem Stück über Selbstmordanschläge ein Zeichen setzen gegen den Terror, der ihre Gesellschaft zerfrisst. Jetzt sind sie selbst vor Angst gelähmt. Jemals wieder Theater spielen? Erst als der Schock der Gewalt sie ein zweites Mal trifft, entscheiden die Künstler, sich mit aller Kraft ihrer Ohnmacht entgegenzustellen. „Wenn wir aufhören, gewinnen die anderen!“ Sie radikalisieren sich künstlerisch und beginnen so, ihr Trauma zu besiegen. „True Warriors“ zeigt uns, dass wir dem Terror mehr entgegen setzen müssen als Hass und Angst. Die Regisseure Ronja von Wurmb-Seibel und Niklas Schenk haben 2013 und 2014 in Kabul gelebt und dort zwei Filme für den NDR produziert. Ihr Umzug zurück nach Deutschland, zusammen mit ihrem afghanischen Pflegesohn, fiel auf den Tag der schicksalhaften Theateraufführung. „True Warriors“ ist ihre erste abendfüllende Kinoproduktion.

Ronja von Wurmb-Seibel und Niklas Schenk werden beide im FILMFORUM anwesend sein und stehen nach dem Film für ein Gespräch zur Verfügung.

Mo. 05.03.2018 / 20:00

DIE SPUR

Moralischer Ökothriller, feministisches Märchen, Zivilisationskritik und Detektivstory.

© 2017 Film Kino Text

Die Vorlage für den Film lieferte der Roman “Der Gesang der Fledermäuse“ von Olga Tokarczuk – Die früher bei weltweiten Umweltprojekten tätige Brückenbauerin Janina ist entsetzt. Von heute auf morgen sind plötzlich ihre beiden Hündinnen, mit denen sie täglich über die Wiesen und Felder und durch die Wälder im Grenzgebiet Polens zur Tschechei streifte, spurlos verschwunden. Dass sie von ihrem am Waldrand gelegenen Zuhause weggelaufen sind, kann die Einzelgängerin nicht glauben. Vielmehr vermutet sie einen Zusammenhang mit den in diesem Gebiet immer wieder stattfindenden Jagden. Diese sind der engagierten Tierschützerin ohnehin ein Dorn im Auge. In der Vergangenheit gab es regelmäßig Auseinandersetzungen zwischen ihr und den der Jagd frönenden Bürgern, darunter Persönlichkeiten wie dem Bürgermeister, dem Polizeichef oder dem Besitzer einer großen Fuchsfarm. Als aus dem Kreis der Hobbyjäger plötzlich Mordopfer zu beklagen sind, gehört auch Janina zu den Verdächtigen. Was aber ist tatsächlich passiert? Mit wundervollen Bildern, einem klugen Drehbuch und einer pointiert eingesetzten Musik ist der Regisseurin ein vielschichtiger und spannender Ökothriller gelungen, der zugleich als widerspenstiger Heimatfilm sowie als fast schon satirischer Kommentar zum Verhältnis von Mensch und Tier und Natur funktioniert. Auf der Berlinale 2017 erhielt der Film in der Rubrik “Neue Perspektiven in der Filmkunst“ den Silbernen Bären. Polen schickt ihn außerdem ins Rennen um die nächsten Oscars.

So. 04.03.2018 / 20:00

ANNE CLARK – I´LL WALK OUT INTO TOMORROW OmU

Porträt der Pop- und Wortkünstlerin Anne Clark

© 2017 Neue Visionen

Die Ikone der Musikgeschichte und grandiose Pionierin der Spoken Word-Kunst steht seit mehr als 30Jahren auf der Bühne. Sie verwandelt Sprache in einzigartige Musik. Seit Beginn der 80er Jahre sorgten New Wave Klassiker wie “Our Darkness“ und “Sleeper in Metropolis“ für einen Rausch der Begeisterung, der Generationen von Musikern inspirierte. Ihre analogen Synthesizer-Sounds machten die Poetin zu einer Wegbereiterin des Techno. Nach Konfrontationen mit ihrer Plattenfirma verschwand sie von der musikalischen Bildfläche und erfand sich in der stillen Einsamkeit Norwegens neu. Der Regisseur Claus Withopf begleitete Anne Clark fast ein Jahrzehnt lang und porträtiert eine so gesellschaftskritische wie überwältigende Ausnahmekünstlerin – eine musikalische Rebellin, die sich jenseits des kommerziellen Mainstreams auf ihrer eigenen Tonspur bewegt. Mit existenziellen Lyrics, großartiger Poesie und akustischen Experimenten schuf Anne Clark ein Repertoire feinster elektronischer Musik. Nicht nur sich selbst, sondern auch ihr Publikum stellte sie unermüdlich vor neue Herausforderungen. Ihren Stil entwickelte Anne Clark unentwegt, einzig ihrer Identität blieb sie dabei bis heute treu – mit einer Virtuosität, die ihresgleichen sucht. Ein künstlerisches Talent, das zur Kultfigur im kulturellen Musikgedächtnis einer Generation wurde.

So. 04.03.2018 / 11:00

ANDY GOLDSWORTHY – LEANING INTO THE WIND

Thomas Riedelsheimer begleitet den Land-Art-Künstler ein weiteres Mal mit der Kamera.

© 1990-2017 Arne Höhne Presse

Wie eine Figur von Caspar David Friedrich zeigt Thomas Riedelsheimers Kamera einmal den Held des Films: von hinten hoch oben auf einer Bergkuppe, den Blick unter der breiten Krempe des Huts in eine Hügellandschaft schweifend. Nur die Kettensäge nebenan deutet auf moderne Zeiten, bleibt in dieser Episode aber unbenutzt. Eine der weiteren Szenen in diesem trotz vieler Emotionen erfreulich unaufgeregten Films, zeigt Andy Goldsworthy bei seinem künstlerischen Tagwerk: mal allein ganz vorsichtig mit Blättern und Gräsern hantierend, mal im Team mit schweren Gerät, wie in Spanien, wo mit  Baggern und Schlaghämmern große Steinblöcke ausgehöhlt werden zu Skulpturen zwischen Wanne, Bett und Sarg – in die man sich legen kann. Die körperliche Seite der Arbeit bedeute ihm viel, sagt der Künstler, der vor seinem Kunststudium viele Jahre in der Landwirtschaft gearbeitet hat. Doch auch sein Naturbegriff habe sich erweitert: er geht in die Stadt und beklebt Gehwege mit Bändern aus roten Blättern. Dort findet er erstmals ein direktes Publikum. Aber der Film, Riedelsheimers Arbeit zeigt es sehr deutlich, ist wohl eigentlich das angemessenere Medium, um die künstlerische Arbeit auch in ihrer Prozesshaftigkeit festzuhalten. Und was hinzukommt: Fred Friths diskreter Soundtrack lässt die Grenzen zwischen vorgefundenem Klang und Komposition ähnlich schön verfließen wie Goldsworthys Kunst.