ARCHIV FÜR Juni 2021

Mo. 21.06.2021 / 20:00

SCHWESTERLEIN

Zwei große Schauspieler als symbiotisches Zwillingspaar in einem feinsinnigen Film.

©-2020-Weltkino

Lisa hat einst als Autorin an Berliner Bühnen Erfolge gefeiert. Mittlerweile lebt sie mit ihrer Familie in einem kleinen Ort in der Schweiz, wo ihr Ehemann eine elitäre internationale Schule leitet. Ihr Zwillingsbruder Sven hat es ebenso als Schauspieler an der Berliner Schaubühne zu Berühmtheit gebracht. Eine aggressive Leukämie-Erkrankung unterbricht aber seine Karriere. Sven hofft trotzdem darauf, bald wieder als HAMLET auftreten zu können. Sein Freund und langjähriger Regisseur David will die Rolle aber nicht mehr mit ihm besetzen: Er fürchtet, dass Sven auf der Bühne zusammenbrechen oder gar sterben könnte. Der Schicksalsschlag lässt die Beziehung der Geschwister noch enger werden. Lisa will die Diagnose ihres Bruders nicht hinnehmen. Sie reist nach Berlin und setzt alles daran, Sven wieder als Schauspieler auf der Bühne zu sehen. Aber Svens Zustand verschlechtert sich zusehends. Daraufhin nimmt Lisa ihren Bruder mit in die Schweiz. Sie hofft durch neue Behandlungsmethoden auf ein Wunder. Der Film wurde erstmals in Berlin 2020 im Wettbewerb um den Goldenen Bären gezeigt und im selben Jahr für den Deutschen Schauspielpreis und den Europäischen Filmpreis nominiert. Am 29. Oktober 2020 kam der Film für 4 Tage in die Kinos, die dann aber im Zuge des Corona-Lockdown schließen mussten.

So. 20.06.2021 / 11:00

Ruben Brandt, Collector

Ein grandioser Ritt durch die Kunstgeschichte und ein Riesenspaß.

© Indeed Film

Ruben Brandt, ein Psychotherapeut, wird in seinen Träumen von berühmten Bildern der Kunstgeschichte verfolgt. Um seinen Seelenfrieden wiederzuerlangen, beauftragt er (völlig durchgeknallt) die kleptomanische Zirkuskünstlerin Mimi und ihre Bande professioneller Kunst-räuber, weltbekannte Meisterwerke u.a. aus den Uffizien, dem Louvre, dem Musée d‘orsay und der Ermitage zu stehlen. Erst wenn alle Meisterwerke sich in seinem Besitz befinden, hofft er wieder einen ruhigen Schlaf finden zu können. Wie genüsslich der Maler, Multimediakünstler und Animationsfilmregisseur Milorad Krstić die Kunstszene mit dem organisierten Verbrechen assoziiert, macht einen Riesenspaß. Das ist voller Ironie, visuell absolut berauschend und auch Soundtrack und Musik sind mitreißend.

So. 06.06.2021 / 20:00

DAVID COPPERFIELD – Einmal Reichtum und zurück

Charles Dickens bezeichnete den Roman als seine Lieblingsgeschichte.

© 2020 Entertainment One Germany GmbH

Ein Junge, der ohne Vater aufwächst und eine freie Kindheit erlebt, bis seine Mutter erneut heiratet. Ein gewalttätiger Stiefvater, der sich in dieses friedlich-verspielte Leben drängt und den Jungen aus der Familie. Die Mutter stirbt. Der Junge mäandert durch die Welt, durch grausig schlechte und überraschend fabelhafte Zeiten. Er entwickelt seine Gabe, die chaotischen Wechselfälle des Lebens durch Geschichten festzuhalten. Charles Dickens in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts spielender Klassiker wurde mehrfach verfilmt, die beginnende Industrialisierung düster in Szene gesetzt, der Fokus lag auf den tragischen Begebenheiten, aus denen sich der Held mühsam heraus kämpfen musste. Der phantastische Komiker und Regisseur Armando Iannucci inszeniert ihn nun ganz wunderbar als Schelmenroman. Er lässt David Copperfield mit offenem Mund durch die Welt taumeln, all die merkwürdigen Figuren, die in seinem Leben auftauchen, wieder verschwinden oder ihn begleiten, genau betrachtend –zugewandt, verschreckt, bewundernd, aber nie verurteilend. Copperfields Staunen über die Welt und seine Fähigkeit darüber zu berichten, setzt der Regisseur leichtfüßig in Szene, ohne die Bedrückungen der schwierigen Kindheitsumstände zu verharmlosen. Sternstunden finden statt, wenn der jungerwachsene David auf seine exzentrische Tante Betsy Trotwood und ihren noch schrägeren WG-Genossen Mr. Dick trifft. Ein großartiges Filmvergnügen für die ganze Familie!

Di. 15.06.2021 / 20:00

DIE OBSKUREN GESCHICHTEN EINES ZUGREISENDEN

Eine raffinierte Mixtur aus schwarzer Komödie und bizarrem Thriller.

©2020 Neue Visionen

Die Verlegerin Helga Pato sitzt im Zug, nachdem sie ihren Mann in der Psychiatrie abgeliefert hat. Im Zug lernt sie Dr. Sanagustin kennen, der ihr von seinem Berufsleben erzählt, insbesondere von einem Fall, wie er ungewöhnlicher nicht sein könnte. Die Geschichte eines Mannes, der beim Militär war, der nur noch einen Arm hatte, der mit dem puren Bösen in Kontakt kam, der einer Psychose erlegen ist. Ist es wahr, was er erzählte, oder alles nur aufeinander abgestimmte Spinnerei?  Der Verlegerin Helga Pato könnte das  egal sein, aber sie wird in diese Geschichte hineingezogen, ist sie selbst doch gerade erst dem Wahnsinn entkommen. Fasziniert ist sie aber auf jeden Fall und möchte mehr wissen. Der Übergang ist fließend, alles geht ineinander über. Der Film erzählt von den Obsessionen seiner Figuren, von deren Perversionen – ob nun eingebildet oder real. Er macht das mit einer immensen Raffinesse, der man sich nicht entziehen kann. Die geschliffenen Dialoge, das Abgleiten ins Surreale, das alles sind Elemente eines großen Films, der in seiner Erzählweise sicherlich bizarr, aber auch höchst faszinierend ist.

Mo. 07.06.2021 / 20:00

ENFANT TERRIBLE

Oskar Roehler verfilmt das Leben Rainer Werner Fassbinders als pures Melodram.

© 2020 Bavaria Filmproduktion

Der Film zeigt in dramatischer Form und mit expressiver Bildsprache Episoden aus dem Leben Fassbinders, der letztes Jahr 75 geworden wäre, und bringt dabei die vielen Facetten des Künstlers zu Geltung: vom genialen Dramatiker und Regisseur über den verzweifelt nach sich selbst und der Liebe Suchenden bis hin zum charismatischen Anführer, der seine Weg- und Lebensgefährten schikaniert und dazu antreibt, ein einzigartiges filmisches Werk zu schaffen. Der Anspruch Roehlers, sich mit seinem Film dem „Fassbinderschen Universum“ zu nähern, kommt in der effektvollen Licht- und Farbdramaturgie sowie dem Szenenbild Fassbinderscher Prägung zum Ausdruck. Vor allem aber in der Bedeutung, die dem Schauspiel als kollektive Leistung beigemessen wird: ein hochkarätiges Ensemble um den Fassbinder-Darsteller Oliver Masucci lässt die wichtigsten Akteure der von Fassbinder beeinflussten Richtung des Neuen Deutschen Films noch einmal auftreten – darunter einige, die selbst damals zum Fassbinderschen „Clan“ gehörten und nun den einstigen WeggefährtInnnen ihre Referenz erweisen. Zu Beginn zeigt der Film eine Liedzeile des von Jeanne Moreau gesungenen Chansons aus  Fassbinders letztem Film „Querelle“: „Each man kills the thing he loves“. Wow!

Mo. 28.06.2021 / 20:00

TENET

Ein langerwarteter Science-Fiction-Action-Spionage-Film des britisch-US-amerikanischen Regisseurs Christopher Nolan.

© 2020 Warner Bros. Pictures Germany

TENET (dt. etwa Grundsatz bzw. Glaubenssatz) = so, das wäre doch schon mal geklärt… Der Film folgt dem Erlebnis des namenlosen Protagonisten, einem Geheimdienstmitarbeiter. Er und andere Kämpfer werden mit sich aus verschiedenen Zeitebenen überlagerten Realitäten konfrontiert. Bereits in der Eröffnungsszene wird ein mutmaßlicher Anschlag auf ein Opernhaus in der Ukraine gezeigt. Eine Gewehrkugel fliegt rückwärts aus dem Objekt heraus, statt einzuschlagen. Munition und andere Gegenstände werden als „invertiert“ bezeichnet, sie sind mit einer „umgekehrten Zeit“ aufgeladen. Im Verlauf des Films zeigt sich, dass Personen und Objekte tatsächlich gegen die Zeit laufen können. Ein russischer Oligarch nutzt diese Eigenschaft. Der Filmwissenschaftler Marcus Stiglegger dazu: „Es ist tatsächlich so, dass diese momentane Gleichzeitigkeit des diese momentane Gleichzeitigkeit des sich vorwärts und rückwärts in der Zeit des Bewegens eine wichtige Rolle spielt“. Sven Hauburg schreibt für die Teleschau: „Zwar sei es nicht immer leicht, die komplexe Handlung des Films zu verstehen. Man sieht dennoch einen verdammt großartigen Film.“ Lars -Olav Beier schließt seine Rezession im SPIEGEL mit: „So cool hat ein überlebensgroßer Held auf der Leinwand selten gewirkt“.

So. 06.06.2021 / 11:00

That Pärt Feeling – Das Universum von Arvo Pärt OmU engl.

Was macht die Faszination für die Werke des estnischen Komponisten aus?

© 2020 Film Kino Text

Diese Frage versucht Paul Hegeman in seiner Dokumentation zu beantworten, die dezidiert keine klassische Biographie ist, sondern sein Subjekt umkreist und sich ihm behutsam annähert. Er ist einer der meistaufgeführten Komponisten weltweit. Und dennoch tritt er nur selten in der Öffentlichkeit in Erscheinung, schweigt am liebsten zu seiner Musik, fühlt sich in den Wäldern Estlands zu Hause und erzeugt damit unfreiwillig das Image eines Einsiedlers. Arvo Pärt wurde 1935 in einer estnischen Kleinstadt geboren. Früh begann er, sich für Musik zu interessieren, studierte, arbeitete als Tontechniker begann zu komponieren, beeinflusst von Schostakovich, Bartók, später auch Schönberg. Anfang der 80er Jahre wurde Pärt zur Emigration gezwungen, ließ sich in Wien nieder (inzwischen besitzt er die österreichische Staatsbürgerschaft), lebte lange Jahre in Berlin und entwickelte sich zu einem der bedeutendsten, einflussreichsten Komponisten neuer Musik. Wie schwer es ist, zu beschreiben, wie ein abstrakter Gegenstand wie Musik funktioniert, welche Emotionen sie auslöst, mag auch erklären, warum Arvo Pärt kaum das Wort ergreift. Statt das kaum mögliche zu versuchen und in Worte zu fassen, was Pärt durch seine Musik sagt, beobachtet Hegeman den Komponisten mal bei einem Cello-Oktett in Amsterdam, mal mit jungen Gesangstudenten. Als unprätentiöser Mann erweist sich Pärt hier, der sich augenscheinlich wenig aus Ruhm und Wohlstand macht, sondern ganz in seiner Arbeit aufgeht. Die Dokumentation “Das Arvo Pärt Gefühl“ ist der gelungene und unbedingt sehenswerte Versuch einer Annäherung an ein einzigartiges Werk.

So. 20.06.2021 / 20:00

Viel Lärm um nichts

Als rasant-übermütige Shakespeare-Verfilmung, von einem Ensemble aus Theater- und Kinostars ausgezeichnet gespielt.

Parkcircus

Das Thema des Geschlechterkampfes steht im Mittelpunkt dieser gleichermaßen werkgetreuen wie populären Theateradaption, die vor allem von ihrem sprühenden Sprachwitz lebt. Die scharfzüngigen Wortgefechte zwischen der schönen Beatrice und dem eingefleischten Junggesellen Benedikt suchen in der Filmgeschichte ihresgleichen. Wie verkuppelt man zwei Menschen, die kein größeres Vergnügen kennen, als sich gegenseitig zu beschimpfen? Ganz einfach: Man sagt ihnen, dass der eine hoffnungslos in den anderen verliebt ist. Der Regisseur und Schauspieler Kenneth Branagh hat die schöne Komödie mit seinem großartigen Ensemble wunderbar leicht und unterhaltsam verfilmt.