ARCHIV FÜR Juni 2019

Di. 04.06.2019 / 20:00

1900 / TEIL II: KAMPF-LIEBE-HOFFNUNG

Ein eindringliches Filmerlebnis, ein Meilenstein der Filmgeschichte.

Images courtesy of Park Circus /MGM Studios

Die Verhältnisse auf dem Landgut sind mittlerweile unruhig: Giuseppe, Alfredos Vater, weist Lohnforderungen zurück und führt Landmaschinen ein, die von den Arbeiterinnen und Arbeitern als Bedrohung gesehen werden. Ein Streik während der Erntezeit demonstriert dem Gutsherrn, dass er im Frühstadium der landwirtschaftlichen Mechanisierung noch völlig von seinen Beschäftigten abhängig ist. Die Arbeiterschaft ist nun zunehmend politisiert durch die „Lega“, die Organisation der Arbeiterbewegung, für die Olmos Frau Anita als Lehrerin arbeitet. Rote Fahnen und Hammer-und-Sichel-Symbole zeigen die kommunistische Ausrichtung an. Man ruft die Polizei gegen die Streikenden. Doch die berittene Truppe bricht einen Angriff auf das Haus eines der Streikführer ab, als sich Frauen und Kinder in den Weg stellen. Es wird eine Schlüsselszene in Bertoluccis Darstellung der Herkunft des Faschismus: Die Gutsherren kaufen sich die faschistischen Schläger, um den Sozialismus der Arbeiter zu bekämpfen. Attila wird zum Anführer der Schwarzhemden. Die Landarbeiter verjagen die Schwarzhemden. Attila wird erschossen. Mit einem Regenbogen über einer Frühlingslandschaft wird der „Tag der Befreiung“ vom Faschismus groß inszeniert. Man sah selten (oder nie!) eine so intensive und engagierte Filminszenierung: Überragende Schauspieler, eine grandiose Kamera, eine großartige Filmmusik, ein wahrhaft großes Filmkunstwerk.

Mo. 03.06.2019 / 20:00

1900 / TEIL I: GEWALT-MACHT-LEIDENSCHAFT

Eine Hommage an den großen Regisseur Bernardo Bertolucci, der im November 2018 verstarb.

Images courtesy of Park Circus /MGM Studios

Im ersten Teil einer genial angelegten Interpretation der italienischen Geschichte seit der Jahrhundertwende beschreibt der Film in faszinierenden, oftmals lyrisch inspirierten Bildern aus klassenkämpferischer Sicht die Lebensgeschichte von zwei Freunden, die auf demselben Landgut aufwachsen, der eine als Sohn der Herrschaft, der andere als Kind von Landarbeitern. Die Hauptfiguren sind Exponenten sozialer und politischer Konflikte, in denen die Rollen im Voraus verteilt und die Sympathien eindeutig zugeordnet sind. Bereits bei der Geburt ist beider Lebensziel vorgegeben: Alfredo soll Jurist und Gutsherr werden, Olmo soll ihm, wie schon sein Vater und Großvater, dienen. Beide wachsen auf dem Gut in getrennten Kreisen auf, der eine lebt als verwöhnter zukünftiger Gutsherr in feiner Kleidung in der Villa, der andere treibt sich in den Ställen und auf den Feldern des Landguts herum, vaterlos, doch unter der Obhut seines Onkels Leo. Dennoch entsteht eine  spannungsvolle Freundschaft zwischen Olmo und Alfredo. Olmo zieht 1917 in den Ersten Weltkrieg, Alfredo hat relativ ungefährdet als Offizier gedient. Der erste Weltkrieg, der erste Landarbeiterstreik Italiens sowie die Weltwirtschaftskrise führen bald zu großen Veränderungen. Olmo wird als Sozialist politisch aktiv, während Alfredo ein Bohémian wird, der den Faschismus in Gestalt des Gutsverwalters Attila verachtet.