ARCHIV FÜR Juli 2018

Mo. 02.07.2018 / 20:00

ZWEI HERREN IM ANZUG

Josef Bierbichler hat seinen Roman „Mittelreich“ verfilmt.

© 2018 X Verleih

Es beginnt mit zwei schwimmenden Hüten auf einem See, die von der Kamera überflogen werden – und endet mit zwei Hüten auf einem See, die als letztes Bild übrigbleiben. Dazwischen entfaltet der Autor, Regisseur und Hauptdarsteller Josef Bierbichler sieben Jahrzehnte bayrischer (und somit auch deutscher) Geschichte. Sein radikal antiidyllischer Heimatfilm zeigt ein untergegangenes ländliches Bayern, erzählt von inneren Verwüstungen, politischer Borniertheit und verdrängter Schuld, davon, was diese Welt in und mit den Menschen anrichtet. Alle verfehlen sie das Glück: Pankraz, der eigentlich Sänger werden wollte, Herr und Knecht ist im eigenen Haus, in dem böse bigotte Weiber regieren, ein tyrannischer Patriarch und in seiner emotionalen Verpanzerung Gefangener. Seine sanfte und widerspenstige Frau, die ihren Sohn innig liebt und ihn, als er im Klosterinternat missbraucht wird, grausam allein lässt. In einer Szene voller Wucht und Pathos verflucht Pankraz in einer Sturmnacht zu Wagner-Arien sein Leben. Bierbichlers Blick ist schonungslos unsentimental und einfühlsam zugleich. Trotz einiger Schwächen ist dieser fantastisch besetzte Film, der unter die Haut geht und immer wieder ans Herz greift, unbedingt sehenswert.