ARCHIV FÜR Januar 2020

Mi. 22.01.2020 / 20:00

ASTOR PIAZZOLLA – THE YEARS OF THE SHARK OmU

Rebellisch, kraftvoll und mit Verve ging er durchs Leben: Der argentinische Bandoneon-Spieler und Komponist Astor Piazzolla, Begründer des „Tango Nuevo“

© 2019 Filmdisposition Wessel

Astor Piazzolla bekam als Neunjähriger sein erstes Bandoneon geschenkt. Für den Jungen ein Erweckungserlebnis: Die Klänge des Bandoneons, eine Mischung aus Tasten- und Windinstrument, übten eine gewaltige Faszination auf ihn aus. 20 Jahre später galt Piazzolla bereits als einer der besten Bandoneon-Spieler der Welt. Doch er wollte mehr, studierte außerhalb seiner Heimat Klavier und Komposition. Als er sich einige Jahr später wieder der Musik seiner Heimat zuwandte ließ er den traditionellen „Tango Argentino“ zeitgenössischer und moderner klingen. Sein mit mitreißenden Klassik- und Jazz-Elementen angereicherter „Tango Nuevo“ war nur noch schwer tanzbar – eine radikale Abkehr von der ursprünglichen Form. Das brachte ihm in seiner Heimat nicht nur Freunde ein, Piazzolla kam in den Augen orthodoxer Tango-Musiker und -Liebhaber einem Hochverräter gleich, wurde sogar tätlich angegriffen. „Meine Musik ist Musik für Zuhörer nicht für Tänzer“, ließ er seine Kritiker wissen. Für „The Years of the Shark“ öffnete Piazzollas Sohn Daniel erstmals das umfangreiche, aus unzähligen Ton- und Videodokumenten bestehende Privatarchiv des 1992 im Alter von 71 Jahren verstorbenen Vaters. Diese Aufnahmen von Auftritten und Proben sowie persönlichen Familienfilmen benutzt Regisseur Daniel Rosenfeld, um das ereignisreiche und spannende Leben des rebellischen Künstlers nachzuerzählen.

Mo. 20.01.2020 / 20:00

PAVAROTTI

Mit seiner einzigartigen Stimme begeisterte Luciano Pavarotti Millionen.

© 2019 Wild Bunch

Wie kein Zweiter brachte der italienische Tenor aus Modena den Menschen die Magie der Oper nahe. Regisseur und Oscar-Gewinner Ron Howard setzt dem charismatischen Künstler ein großartiges, filmisches Denkmal, das nicht nur Opernfans begeistern wird. Ganz im Sinne des Maestros, der nicht umsonst den Beinamen „Tenor des Volkes“ trug, zeigt sein feinfühliges Porträt, dass er die Grenzen der klassischen Musik und Gesangskunst sprengte. Das beweisen nicht zuletzt die mitreißenden Aufnahmen der „Drei Tenöre“ und die emotionalen Konzertausschnitte mit Pop-Künstlern wie Bono. Aber auch den großzügigen Menschen hinter dem gefeierten Menschen macht die einmalige Doku sichtbar. „Genieße, was Du tust“ war sein Motto, und so ist dieser Film über das Phänomen Pavarotti wahrhaftig ein leidenschaftlicher Genuss für alle Sinne.

Mi. 15.01.2020 / 20:00

TATIS HERRLICHE ZEITEN (PLAYTIME)

Francois Truffaut: „PLAYTIME ist mit nichts zu vergleichen, was bereits im Kino war“.

Studiocanal

Der Film spielt in einem für die 1960er Jahre absolut futuristisch wirkenden Paris, das nur noch aus einheitlichen Glas- und Stahlkonstruktionen besteht. Die moderne Welt gleicht sich überall bis zur Austauschbarkeit. Modernismuskritik ist ein immer wiederkehrendes Merkmal der Filme Tatis, in PLAYTIME aber feiert sie einen Höhepunkt. Vor allem die Unpersönlichkeit, Konformität und Sterilität der Moderne wird kritisiert, etwa gleich am Anfang des Films, wenn ein chromschimmerndes Gebäude einem Krankenhaus gleicht und erst später eindeutig als Flughafen zu identifizieren ist. Durch die Monotonie der Räume wird die Konzentration auf unvermeidliche Geräusche gelenkt. In der Gleichförmigkeit sind es vor allem die von den Menschen verursachten Töne, die den angestrebten Futurismus der Architektur durch die ihnen innewohnende Komik auflösen. Dass die Moderne schließlich auch diesem Problem abhelfen wird, ist auf einer Möbelausstellung zu sehen. Das erste Unternehmen wirbt bereits mit einem Material, das keinerlei Geräusche mehr verursacht. Selbst wütendes Türknallen bleibt ungehört. Die Kritik der Moderne erscheint durch die Ironisierung und Tückenanfälligkeit der Technik weniger apokalyptisch, dafür aber umso treffender. Die Humanität gewinnt in dieser Einheitlichkeit kleine Ecken der Gemeinsamkeit und der Individualität zurück. Ein von melancholischer Herzlichkeit geprägtes Welttheater, organisiert wie ein filmisches Ballett und in der Durchdachtheit der Inszenierung und dem persönlichen Stil der verschiedenen Leitmotive ein absolutes Meisterwerk, das viele Preise erhielt.

Di. 14.01.2020 / 20:00

TATIS MEIN ONKEL (MON ONCLE)

Wunderbare Satire, die die sterile und automatisierte moderne Welt karikiert.

© Studiocanal

Der Neunjährige Gérard lebt mit seinen Eltern in einem modernen Haus in einem Neubaugebiet, was für ihn ziemlich langweilig ist. Sein Vater ist Direktor einer Kunststofffabrik, seine Mutter kümmert sich hingebungsvoll um den automatisierten, klinisch reinen Haushalt. Gérards bester Freund ist sein Onkel. Der Junggeselle wohnt in einem verschachtelten Haus in einem Altstadtviertel. Hulot holt Gérard regelmäßig von der Schule ab und bringt ihn zu einer Gruppe gleichaltriger Jungen. Sie spielen gemeinsam auf der Straße und veranstalten Streiche und Dinge, die ihnen Spaß machen. Nach den Ausflügen mit seinem Onkel ist Gérard bisweilen so verschmutzt, dass ihn seine Mutter beim Empfang in ihrer sterilen Wohnung nur mit Gummihandschuhen anfasst und ihn noch in der Kleidung unmittelbar unter die Dusche stellt. Eine mit augenzwinkernder Ironie und kritischer Lust erzählte Filmgeschichte, die dem kalten Komfort des materialistischen Lebens mit Humor und schmunzelnder Lebensweisheit begegnet. Monsieur Hulot, der lebensklug-weltfremde Held, nimmt sich seines Neffen an, dessen Eltern Hulots perfekte Antithese sind: reiche, modernistische Snobs, Roboter des technisierten Zeitalters. Man bedenke: Jacques Tati drehte den Film 1958 – vor mehr als 60 Jahren! Er bekam 1958 den Sonderpreis der Jury auf den Filmfestspielen in Cannes und wurde 1959 mit dem Oscar als bester fremdsprachlicher Film ausgezeichnet.

Mo. 13.01.2020 / 20:00

THE IRISHMAN OMU

Ein großer, bereits seit vielen Jahren geplanter und endlich realisierter Film von Martin Scorsese.

Copyright Netflix 2019

Der Kriminal-Thriller über den mit der Bufalino-Familie von der amerikanischen Cosa Nostra assoziierten Auftragsmörder Frank Sheeran und seine Verstrickung in das Verschwinden des Gewerkschaftsführers Jimmy Hoffa. Der Film ist von meisterhafter Präzision, mit großen Darstellern, und taucht tief in das Innere seines Motivs ein, das dunkle Herz der Macht. Robert De Niros großartige Darbietung als Frank Sheeran erinnert an seine Arbeit in “Good Fellas“, den letzten Film, den er mit Martin Scorsese drehte. Er spielt “The Irishman“ als einen Mann, der gleichzeitig im Zentrum und am Spielfeldrand steht, Befehle entgegennimmt und reagiert. Er spielt ihn todernst als einen Mann mit großen Einfluss und einer komplexen Loyalität. Al Pacino hingegen spielt Jimmy Hoffa als einen Egomanen, der auch ein brillanter Taktiker ist, sich selbst zum Gewerkschaftsführer gemacht hat und viel Leidenschaft auf seine Reden verwendet. Der Film ist lang wie ein Roman von Dostojewski und dunkel wie ein Gemälde von Rembrandt. Was Martin Scorsese interessiert, worum es bei den meisten seiner Arbeiten geht, sind weniger Fakten, sondern Gefühle. Wie bei vielen seiner Filme verbringt auch „The Irishman“ einige Zeit damit, die Machtstrukturen und Verhaltensregeln abzubilden, die den jeweiligen Teil der Realität bestimmen. Das über drei Stunden lange Epos wurde vom Streamingdienst “Netflflix“ produziert und kommt nur kurz ins Kino, bevor es dann nur noch online zu sehen sein wird. Unbedingt sehenswert!