ARCHIV FÜR Januar 2019

Mi. 23.01.2019 / 20:00

DER AFFRONT

Oscarnominiert und Publikumspreis auf dem FünfSeenFilmFestival 2018

© 2018 Alpenrepublik

Der libanesische Regisseur Ziad Doueiri bringt in seinem neuen Film das schwierige Erbe des Libanonkriegs in einem Gerichtsthriller auf den Punkt. „Scharon hätte euch alle auslöschen sollen!“ – Mit wutverzerrtem Gesicht brüllt der libanesische Automechaniker Toni diese sechs Worte, für die der palästinensische Vorarbeiter Yasser ihm mit einem heftigen Schlag zwei Rippen bricht. Es ist die zweite Eskalationsstufe eines Streits in der libanesischen Hauptstadt Beirut, bei dem aus jener sprichwörtlichen Mücke eine ganze Elefantenherde zu werden droht. Auslöser des Streits: Ein kaputtes Abflussrohr an Tonis Balkon, das Yasser eigenmächtig repariert, nachdem Schmutzwasser auf ihn herabgetropft ist. Der cholerische Wohnungsbesitzer schlägt die Konstruktion mit Inbrunst klein, worauf Yasser ihn als Scheißkerl beschimpft. “Was du gesagt hast, ist unakzeptabel. So fangen Kriege an“ bekommt Toni von seinem Vater zu hören. Und: „Das gesprochene Wort kann durch die richtige explosive Mischung die Durchschlagskraft einer Bombe entwickeln.“ Die Mischung in DER AFFRONT ist mehr als explosiv. Der Streit zwischen den beiden von vornherein ein Stellvertreterkonflikt: stellvertretend dafür, dass der libanesische Christ Toni aus ganz eigenen Gründen palästinensische Flüchtlinge wie Yasser hasst, stellvertretend auch für die möglichen Folgen einer nie aufgearbeiteten historischen Grausamkeit. Der Streit eskaliert und landet vor Gericht. Während die Anwälte streiten, während sich allmählich die Medien einmischen, während am Ende rechte Libanesen und palästinensische Flüchtlinge auf der Straße randalieren wird aus dem Film mehr als eine spannende Parabel über Ursache und Wirkung oder über die Auswüchse männlicher Egos – der Film zeigt die Traumata eines Landes und seiner Bewohner, die aus der Vergangenheit heraus bis in die Gegenwart wirken.

Di. 22.01.2019 / 20:00

NACH EINER WAHREN GESCHICHTE

Weltpremiere hatte die Romanverfilmung nach Delphine de Vigan durch Roman Polański auf den Filmfestspielen in Cannes 2017.

© Studiocanal 2018

Bedrängnis und Zweifel an der Wirklichkeit stehen im Hintergrund der Geschichte um eine Erfolgsautorin mit Schreibhemmung. Ironischer könnte der Titel NACH EINER WAHREN GESCHICHTE kaum sein. Denn um Wahrheit und deren Wahrnehmung geht es in diesem Film, darum, was sein kann und was sein muss. Und in der Folge natürlich auch um die Wahrheit der Kunst, des Films. Die Erfolgsautorin Delphine trifft auf einer Signierstunde auf eine schöne junge Frau, die ihr selbst nicht unähnlich sieht und sich Elle nennt. Elle ist alleinstehend, arbeitet als Ghostwriterin und wird für Delphine dadurch in jeder Hinsicht eine Projektionsfläche. Als sich beide auf einer Party wiedertreffen, freunden sie sich an. Elle lädt Delphine zu ihrem Geburtstag ein – wo sie der einzige Gast am übervollen Buffet ist. Alle anderen Gäste hätten abgesagt, behauptet Elle. Das Mysteriöse, das man aus vielen früheren Polański-Filmen wie “Der Mieter“ oder “Rosemaries Baby“ kennt, stellt sich sofort ein, unterschwellig und atmosphärisch. Man weiß nicht genau, was wirklich passiert. Wahrheit und Wahrscheinlichkeit werden austauschbar. Für Delphine, die seit dem Erfolgsroman über ihre Mutter unter einer Schreibhemmung leidet, wird diese grotesk verzerrte Geschichte zur neuen Inspiration. Ihr Text erhebt sich metaphorisch über die Autorin. Der Prozess der Verwandlung von Wirklichkeit in Kunst ist nicht nur unumkehrbar, er ist auch immer ein künstlerischer. Mit den beiden großartigen Darstellerinnen ist Roman Polanski eine eindringliche, intensive Verfilmung der Romanvorlage gelungen.

Mo. 21.01.2019 / 20:00

TOUCH ME NOT

Ausgezeichnet mit dem Goldenen Bären auf der Berlinale 2018.

© 2018 Alamode Film

Wollte man TOUCH ME NOT  auf eine narrative Handlung reduzieren, würde sich das ungefähr so lesen: Laura kann sich nicht berühren lassen. Sie schreckt zurück, wenn jemand sie anfasst oder ihre Hand ergreift. Sie sucht einen Therapeuten auf, bestellt sich einen Callboy, doch ihr Körper bleibt ein Panzer. In losen Szenenfolgen werden weitere Menschen auf der Suche nach Intimität begleitet. Christian, der mit vielen körperlichen Einschränkungen leben muss, spricht unbefangen von seinen Vorlieben, Abneigungen und über sein Liebesleben mit der langjährigen Freundin. Das Paar besucht einen Workshop für Körperwahrnehmung. Menschen jeden Alters mit und ohne Behinderung nehmen daran teil. So auch Tómas, der mit seinem kahlen Kopf seltsam verletzt wirkt und die verschiedenen Formen seines Begehrens erst noch finden und akzeptieren muss. Eine laborartige Atmosphäre und kühle Bilder helfen dem Zuschauer, sich von vorgefassten Meinungen und Vorstellungen von Intimität zu befreien. Der Film begibt sich auf eine emotionale Expedition, um die verschiedenen Facetten von Sexualität jenseits aller Tabus auszuleuchten. Dabei entwickelt jede Szene, unabhängig davon, ob die Situation gespielt oder dokumentarisch ist, ihre eigene Wahrhaftigkeit. Völlig überraschen wurde Adina Pintilies erster Langfilm bei der Berlinale 2018 mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet, eine Auszeichnung der Jury um Tom Tykwer, die teils mit Begeisterung, teils mit Unverständnis bewertet wurde. Er zielt auf ein Publikum, das Zumutungen aushält, wie sie beispielsweise die serbische Performance-Künstlerin Marina Abramović bereithält. Eine Herausforderung, die anzunehmen sich lohnt.

Mi. 16.01.2019 / 20:00

BOHEMIAN RHAPSODY

Vom Aufstieg der Band „Oueen“ und ihres Sängers Freddie Mercury.

© 2018 Twentieth Century Fox

„Im Kino gewesen. Geweint.“ Franz Kafkas lakonische Tagebucheintragung (inzwischen zu Tode zitiert) verrät allerdings nicht, was genau den Schriftsteller so sehr rührte. Tränen fließen oft im Kino oftmals aufgrund von trivialen Motiven, deren Tiefe sich erst in dem forschenden Nachdenken erschließt. So ergeht es einem auch in „Bohemian Rhapsody“, dem Biopic über den „Queen“-Sänger Freddie Mercury. Der Film ist mitreißend, witzig und visuell ansprechend. Die Kostüme und die Ausstattung sind eine Augenweide. Trotz zweieinviertel Stunden Länge erscheint die wundervolle Zeitreise in die Popwelt der 80er Jahre absolut kurzweilig. Woraus bezieht der Film vor allem seine emotionale Kraft? Es ist die Musik! In dem fast ausschließlich aus Original-Aufnahmen bestehenden Soundtrack befinden sich die meisten der größten Hits von „Queen“, einschließlich aller elf Songs, die Platz eins der Charts erreicht hatten. Auch wenn es zunächst  wie eine unmögliche Aufgabe klingt, Leben und Karriere des Ausnahmekünstlers Freddie Mercury auf gut zwei Kinostunden zu beschränken: es ist in jeder Weise gelungen. Der Schauspieler Rami Malek meistert die schwierige Gratwanderung zwischen künstlerischem Genie und spleenigem Sonderling dabei bis zur Perfektion. Der Mythos des Sängers und Performers Freddie Mercury wird als gefühltes Evangelium beschworen. So endet seine Geschichte nicht mit seinem Tod im Jahr 1991, sondern 1985 mit dem legendären „Live Aid“-Konzert im Wembley-Stadion. Der von der Musikpresse als bester Liveauftritt aller Zeiten umjubelte Gig wird im Film akribisch nachgestellt – als Popgottesdienst. Im Kino gewesen. Geweint.

Di. 15.01.2019 / 20:00

LETO (Sommer)

Ein Film über den legendären Rockmusiker Wiktor Zoi, den seine Anhänger als Erlöser verehren.

© 2018 Hype Film-Kinovista 2018

Sommer zu Beginn der 80er Jahre: Willkommen im Leningrader Rock Club, dem Mekka der damaligen russischen Underground-Rockszene. In Kirill Serebrennikows Musikfilm wird der Club zur architektonischen Manifestation eines Russlands kurz vor der Perestroika, in dem es mit künstlerischer und persönlicher Freiheit nicht gut bestellt ist. Der Anfang ist reine Energie, eine unterdrückte, gewaltige, potenziell systemgefährdende Kraft. Noch sitzen die Jungen und Mädchen wie festgeschraubt auf ihren Stühlen, aber ihre Augen sind Glühwürmchen, die Knie vibrieren, in letzter Sekunde dringen Bewunderinnen durchs Fenster. „Schlimm!“, schimpfen die Aufpasser, „diese Kakerlaken!“ Man ahnt: Der Applaus am Ende wird erzwungen brav dahinplätschern, als hätten Mike Naumenko und seine Band „Zoopark“ zur Balalaika gesungen und nicht einen Song namens „Blajad“, was mit „Schlampe“ eher kinderfreundlich übersetzt ist. Etwas liegt in der Luft, vielleicht kein Aufruhr, aber etwas Unbezähmbares, Niedagewesenes. Die Erinnerung daran hat der Regisseur in eine der schönsten Liebeserklärungen an die Macht der Musik verwandelt. LETO ist vieles: Musikerbiografie, Videoclip, aber vor allem eine fast zeitlose Dreiecksgeschichte. Der Rockstar Mike ist mit Natascha verheiratet, als an einem trägen, verspielten und selbstverständlich leicht besoffenen Tag am Strand Wiktor Zoi auftaucht. Er spielt ein Lied, Mike steuert eine Idee bei, so werden zwei Entwicklungen in Gang gesetzt: Die beiden Musiker werden Freunde. Und Natascha verliebt sich in Wiktor. Wird die Liebe über die Kunst siegen? Musik ist in Serebrennikows Film der ultimative Katalysator. Die Lieder der Rocker strotzen vor Rotzigkeit und Anti-Establishment. Zwischendurch entlädt sich die gewollte (musikalische) Revolution in knalligen Videos zu Songs von den Talking Heads, Lou Reed, Iggy Pop. Die Botschaft ist eindeutig: Man muss heute überall die Sau rauslassen dürfen! LETO ist ein bild- und musikgewaltiges Plädoyer dafür.

Der Regisseur Kirril Serebrennikow wurde während der finalen Dreharbeiten festgenommen und durfte an der Weltpremiere in Cannes im Mai nicht persönlich teilnehmen.

Mo. 14.01.2019 / 20:00

SHUT UP AND PLAY THE PIANO

„Der Pianist Chilly Gonzales ist ein Performance-Tier“. (NDR)

© rapid eye movies Alexandre Isard

Man muss nicht mal mehr Klassik-Fans erklären, wer dieser Chilly Gonzales ist. Der einstige kanadische College-Rocker und Berliner Punk-Rapper tritt längst vor ausverkauften Rängen in den Philharmonien der Welt auf – in Bademantel und Pantoffeln, schwitzend und wie ein Schimpanse aufs Klavier einhauend. Er spielt mit dem Wiener Radio Symphony Orchestra und hat durch „Solo Piano“-Platten und seine Musikschule „Gonzervatory“ Tausende ehemalige Klavierschüler zurück ans Instrument gebracht. Wie der als Jason Beck geborene Lümmel mit den großen Händen und der großen Nase und dem noch größeren Ego zum Muhammad Ali der Musik, zum selbsternannten „Musical Genius“ wurde, erzählt endlich der launige wie laute Film. Dem Regisseur Philipp Jedicke hat er für diesen Film jeden Einblick ins Private verweigert – aber ihm zwei Kisten Privatvideos seines Schaffens geöffnet. Überrumpelnde Rap-Performances in Torontoer oder Berliner Clubs zusammen mit seinen Kumpanninnen Mocky, Peaches und Feist sind zu sehen. Wie auch eine Pressekonferenz in Berlin, bei der er im rosa Anzug sein Manifest sein Manifest als „Underground President“ verkündet und nach einer Reporterfrage völlig austickt. Alles rinnt zusammen wie der Schweiß von der Stirn mit dem Blut an den Händen beim Klavierspielen. Alles Hohe Kunst.