ARCHIV FÜR April 2019

Mo. 29.04.2019 / 20:00

ASCHE IST REINES WEISS

China in den letzten 20 Jahren auf den Spuren einer Liebesgeschichte.

© 2019 Neue Visionen

Qiao hat sich ihren Rucksack vor den Bauch geschnürt. Er enthält die Habseligkeiten, die ihr geblieben sind, und er schützt sie wie ein Brustpanzer. Die Welt, durch die sie sich bewegt, mutet auf den ersten Blick nicht bedrohlich an, aber sie hat sich radikal gewandelt. Fünf Jahre hat Qiao im Gefängnis gesessen. So hoch ist in China das Strafmaß für illegalen Waffenbesitz. Nach ihrer Entlassung unternimmt sie eine Schiffsreise auf dem Jangtse, durch die berühmten Drei Schluchten, die in naher Zukunft in einem gigantischen Stau-Becken verschwunden sein werden. Jedoch hat sie die Reise nicht als Touristin angetreten, sondern als eine Liebende, die ihren Mann wiederfinden will. Sie hofft, dass Bin in den vergangenen fünf Jahren ebenso loyal zu ihr gestanden hat wie sie zu ihm. Für ihn hat sie die Gefängnisstrafe auf sich genommen; nie wäre es ihr in den Sinn gekommen, ihren Geliebten zu verraten. In der Zwischenzeit soll Bin ein erfolgreicher Unternehmer geworden sein. Er geht nicht ans Telefon und lässt sich verleugnen. Erst durch ein Manöver gelingt es ihr, ihn zur Rede zu stellen. Jetzt gewinnt die Liebesbeziehung zwischen Qiao und Bin eine andere, entschieden unromantischere Gravitas. Der Regisseur bindet sie ein in den rasanten Wandel Chinas. Das Treiben der Kleingangster ist eingangs noch in ländlichen Strukturen aufgehoben. Fünf Jahre später ist das Land endgültig vom Fieber des Kapitalismus ergriffen. Der Werdegang der Figuren ist lesbar als Parabel darüber, wie man sein Leben rekonstruiert, während die Welt drum herum sich für einen ungewissen Fortschritt rüstet. Auf der Suche nach der Zukunft.

Mo. 15.04.2019 / 20:00

BEALE STREET

Das Filmdrama basiert auf dem gleichnamigen Roman von James Baldwin.

© 2018 DCM

In den 1970ern in Harlem. Der 22jährige Bildhauer Fonny und die 19-jährige Verkäuferin Tish sind ein Liebespaar. Als Fonny fälschlicherweise beschuldigt wird, eine Puertoricanerin vergewaltigt zu haben, obwohl er ein Alibi hat, muss er ins Gefängnis. Dort besucht ihn Tish und sagt ihm, dass sie schwanger ist. Mit absoluter Zuversicht versichert sie ihm, dass sie ihn herausbringen werde, bevor das Kind geboren wird. Ein Film von packender emotionaler Intensität. Vom „American Film Institut“ wurde „Beale Street“ in die Top Ten der Filme des Jahres 2018 gewählt, die Darstellerin der Mutter von Tish, Regina King, erhielt 2019 den Oscar als beste Nebendarstellerin.

Di. 09.04.2019 / 20:00

CALL ME BY YOUR NAME OmU English Cinema

Das romantische Drama basiert auf dem gleichnamigen Roman von André Aciman.

© Sony Pictures

Der 17-jährige Elio, jüdisch-amerikanischer Abstammung, verbringt den Sommer auf dem Landsitz seiner Eltern am Gardasee. Sein Vater ist Archäologe und forscht vor Ort über antike Skulpturen. Seine südländische Mutter begeistert sich für deutsche Literatur. Die Eltern nehmen den 24-jährigen Amerikaner Oliver bei sich auf. Der attraktive Student von der Ostküste soll  Elios Vater für einige Zeit bei der Forschungsarbeit assistieren. Schon bald freunden sich Elio und Oliver an. Der berührende Film erhielt international viele Auszeichnungen.

Mo. 08.04.2019 / 20:00

CAPERNAUM – STADT DER HOFFNUNG

Eine Achterbahnfahrt der Gefühle und von großer epischer Kraft.

© 2019 Central Film

Zain ist gerade einmal zwölf Jahre alt. Zumindest wird er auf dieses Alter geschätzt. Der Junge hat keine Papiere und die Familie weiß auch nicht mehr genau, wann er geboren wurde. Nun steht er vor Gericht und verklagt seine Eltern, weil sie ihn auf die Welt gebracht haben, obwohl sie sich nicht um ihn kümmern konnten. Dem Richter schildert er seine bewegende Geschichte: Was passierte, nachdem er von zu Hause weggelaufen ist und bei einer jungen Mutter aus Äthiopien Unterschlupf fand und wie es dazu kam, dass er sich mit ihrem Baby mittellos und allein durch die Slums von Beirut kämpfen musste. Ein Kind klagt seine Eltern an und mit ihnen eine Gesellschaft, die solche Geschichten zulässt. „Capernaum“ ist eine Beschreibung biblischen Ursprungs, die sich vor allem im Arabischen als Bild für einen Ort voller Chaos und Unordnung etabliert hat. Einen solchen Ort zeigt die libanesische Regisseurin Nadine Labaki in ihrer hochemotionalen Fabel. In eindrucksvollen Kinobildern erzählt sie von den abenteuerlichen Lebensumständen jener, die von einem besseren Leben träumen, aber in unserer Welt keine Chance haben. Ein Film von großer Empathie und Menschlichkeit, der  beim Filmfestival in Cannes minutenlang mit stehenden Ovationen gefeiert wurde und den Preis der Jury und der Ökumenischen Jury gewann.

So. 07.04.2019 / 20:00

THE FAVOURITE

Intrigen und Irrsinn am Hof der Königin Anne.

© 2019 20th century fox pictures

England, frühes 18. Jahrhundert. Das Land befindet sich im Krieg mit Frankreich. Königin Anne versteht sich nicht so recht auf Politik. Deswegen hört sie auf den Rat von Lady Sarah Churchill, ihrer engsten Vertrauten. Lady Sarah spricht für die Königin, sie entscheidet für sie – und zieht damit den Groll ihrer politischen Gegner auf sich. Als die Cousine von Lady Sarah, Abigail, als Dienerin am Hof der Königin ihre Stellung antritt, findet diese nach und nach Zugang zu Anne: Je mehr Abigails Stern bei der Königin zu steigen beginnt, desto mehr sinkt der von Lady Sarah. Politik ist ein Kreisen um Macht und um sich selbst – eine Wahrheit, die nicht nur das Heute diktiert, sondern sich durch die gesamte Geschichte zieht. Der meisterhafte neue Film von Giorgos Lanthimos ist ein großes Dekadenzbild, und jedes Mal, wenn der Film ein nicht mehr steigerbares Maß an Bösartigkeit erreicht hat, folgt beiläufig eine noch schlimmere Szene. Ein mit zu viel Macht ausgestattetes, politisch unberechenbares, mit dem Krieg spielendes infantiles Staatsoberhaupt, umgeben von Günstlingswirtschaft und Erpressungen – man könnte erschauern darüber, wie wenig historisch Lanthimos´ Vorspiel zu den Endspielen der Gegenwart anmutet. Das großartige Filmdrama erhielt 2018 auf den Filmfestspielen von Venedig bereits 4 der höchsten Auszeichnungen. Zur Oscar-Verleihung 2019 war THE FAVOURITE für zehn Oscars nominiert, jedoch wurde nur Olivia Colman als beste Darstellerin ausgezeichnet. Da kann man doch nur staunen!

So. 07.04.2019 / 11:00

RENZO PIANO – ARCHITEKT DES LICHTS OmU

Die Entstehung des kühnen Centro Botín in Santander.

© 2019 mindjazz pictures

Der gefeierte spanische Regisseur Carlos Saura dokumentiert die Geburt des Centro Botín, entworfen vom italienischen Architekten Renzo Piano, dem Mann hinter weltbekannten Gebäuden wie dem Centre Pompidou in Paris, dem New York Times Tower in Manhattan, The Shard in London oder dem Parco della Musica in Rom und dem Wissenschaftszentrum NEMO in Amsterdam. Carlos Saura begleitet Renzo Piano durch die verschiedenen Entstehungsphasen des Gebäudekomplexes, vom Entwurf bis zum Bau. Dabei entsteht zwischen den beiden Männern ein intensiver Dialog über Kunst, den kreativen Schaffensprozess, und die soziale Funktion von Schönheit. Seinen Ruf als Museumsarchitekt erhielt Renzo Piano mit Projekten wie Fondation Beyeler in Riehen/Basel, Zentrum Paul Klee in Bern, Menil Collection in Houston/Texas, Tjibaou-Kulturzentrum auf der Südseeinsel Neukaledonien. Piano gilt als ein Meister der Bautechnik. Durch den Bau von zahlreichen Gebäuden rund um den Globus mit den verschiedensten Konstruktionen und Baumaterialien beweist er seine Fähigkeiten im Bereich der Bautechnologie. Bei all seinen Projekten dient die Technologie dazu, das Licht zu beleben, das Umfeld zu respektieren und die Integration in die Natur zu ermöglichen.

Mo. 01.04.2019 / 20:00

DER TRAFIKANT

Wir danken dem großen Schauspieler Bruno Ganz.

© 2018 Tobis Film

Literaturfans werden den Bestseller von Robert Seethaler bereits kennen, doch auch, wer das Buch über Menschen im Wien der 30er Jahre noch nicht gelesen hat, ahnt schon von Anfang an: Hier regiert die Melancholie. Die wehmütige Stimmung überträgt sich schnell. Seethalers Roman spielt vorwiegend in einem Wiener Arbeiterbezirk, im Jahr 1937, kurz vor und kurz nach dem sogenannten „ Anschluss“ Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland. Während Franz, ein junger Provinzbursche, von dem knurrigen, aber liebenswerten Veteranen Otto zum Trafikanten ausgebildet wird, erlebt er seine erste große Liebe, freundet sich mit Sigmund Freud (großartig dargestellt von Bruno Ganz!) an – und quasi als Ergebnis des Erwachsenenwerdens – erlebt er immer stärker die gesellschaftlichen Veränderungen um sich herum. Franz verliert zuerst seine Unschuld und landet dann in jeder Beziehung auf dem Boden der Realität. Als Trafikant vom alten Schlag, gut ausgebildet, diskret und loyal, bleibt er jedoch sich selbst und seinem erlernten Beruf treu. Auch gegen alle anderen, die hackenschlagend die neuen Machthaber begrüßen. Es ist eine Geschichte vom Anständigbleiben in einer Welt, die immer unanständiger wird. Und manches erinnert dabei bitter an die Gegenwart. Das ist Absicht und soll so sein.