Mo. 21.09.2020 / 20:00

SORRY WE MISSED YOU

Das typisch britisch unterkühlte Schicksal eines Zustellboten spiegelt die gesamteuropäische Situation und beeindruckt mit insistierender Tiefe.

© 2020 Filmwelt

Das nordenglische Städtchen Newcastle: wie die meisten versucht die Familie Turner mehr schlecht denn recht zu leben, besser gesagt, zu überleben und sich gegen die Unwägbarkeiten des Alltags zu wehren. Einst bewohnten sie ein Eigenheim, doch nach der Finanzkrise 2008 mussten sie es verkaufen und leben nun in einer beengten Mietwohnung. Während die Mutter einem harten Job als mobile Krankenschwester nachgeht, schlägt sich ihr Mann verzweifelt von Aushilfsjob zu Aushilfsjob durch, nie richtig arbeitslos – aber auch nie richtig angestellt. Das Geld reicht nicht für ein wenig Lebensqualität. Ken Loachs Film über diesen Überlebenskampf der Familie Turner gehört zu seinen eindringlichsten und schönsten der letzten Zeit. Unaufgeregt und frei von Klassenpathos erzählt Loach mit großer Menschlichkeit, die sich allein dank empathischer Alltagsbeobachtungen einstellt. Es gibt keine Krisen zu bewältigen, aber der Alltag selbst ist eine einzige Krisensituation. Auch wenn der Schauplatz des Films England ist, kann man die Strukturen in ganz Europa finden, in allen Ländern, in denen die Sozialsysteme zunehmend schwächer werden und Profitdenken längst zur alles überstrahlenden Hauptsache geworden ist.