Mo. 11.03.2019 / 20:00

Der Junge muss an die frische Luft

Caroline Links Verfilmung von Hape Kerkelings Autobiografie.

© 2018 20th Century Fox

Caroline Link hat dieses Buch nun ganz wundervoll verfilmt und auch gleich den Bayerischen Filmpreis 2019 für die beste Regie zugesprochen bekommen. Mit dem Debütanten Julius Weckauf hat sie einen großartigen Darsteller gefunden, der dem jungen Kerkeling nicht nur verblüffend ähnlich sieht, sondern ihn auch erstaunlich souverän spielt. Tieftraurige Momente sind es, wenn der kleine Hans-Peter verzweifelt singt und tanzt, sich Petersiliensträußchen hinter die Ohren steckt, um seine Mutter am Leben zu halten. Der Film ist – mehr noch als das Buch – auch ein Porträt der ausgehenden Wirtschaftswunderzeit. Von der braunen Fanta-Flasche über die Luftschutzsirenen, die damals noch zur Übung heulten, stimmt jedes Detail. Link ist wie Kerkeling Jahrgang 1964, der Krieg lag da noch keine zwanzig Jahre zurück. Das Drehbuch deutet die Wunden des Krieges an, den Zwangsoptimismus der Überlebenden, den Preis des flotten Wiederaufbaus. Hans-Peters Vater ist etwa viel zu oft bei der Arbeit. Auch an dem Abend, an dem sie sich das Leben nimmt, ist die Mutter allein. Zu Hans-Peter sagt sie, er dürfe so lange fernsehen, wie er wolle. Der ahnt, dass etwas nicht stimmt, hält aber durch bis zum Schluss der Sendung. Danach sitzt er stundenlang wie erstarrt neben der Sterbenden im Bett. Wie kann ein Kind nach einer solchen Erfahrung weiterleben? Eine Antwort liegt in der Familie, deren Mitglieder Caroline Link liebevoll porträtiert. So diskret sie die Erkrankung der Mutter schildert, so ausführlich die lustigen und behüteten Momente dieser Kindheit. Es sind filmische Miniaturen des heiter-resignativen „Trotzdem“.