Di. 15.01.2019 / 20:00

LETO (Sommer)

Ein Film über den legendären Rockmusiker Wiktor Zoi, den seine Anhänger als Erlöser verehren.

© 2018 Hype Film-Kinovista 2018

Sommer zu Beginn der 80er Jahre: Willkommen im Leningrader Rock Club, dem Mekka der damaligen russischen Underground-Rockszene. In Kirill Serebrennikows Musikfilm wird der Club zur architektonischen Manifestation eines Russlands kurz vor der Perestroika, in dem es mit künstlerischer und persönlicher Freiheit nicht gut bestellt ist. Der Anfang ist reine Energie, eine unterdrückte, gewaltige, potenziell systemgefährdende Kraft. Noch sitzen die Jungen und Mädchen wie festgeschraubt auf ihren Stühlen, aber ihre Augen sind Glühwürmchen, die Knie vibrieren, in letzter Sekunde dringen Bewunderinnen durchs Fenster. „Schlimm!“, schimpfen die Aufpasser, „diese Kakerlaken!“ Man ahnt: Der Applaus am Ende wird erzwungen brav dahinplätschern, als hätten Mike Naumenko und seine Band „Zoopark“ zur Balalaika gesungen und nicht einen Song namens „Blajad“, was mit „Schlampe“ eher kinderfreundlich übersetzt ist. Etwas liegt in der Luft, vielleicht kein Aufruhr, aber etwas Unbezähmbares, Niedagewesenes. Die Erinnerung daran hat der Regisseur in eine der schönsten Liebeserklärungen an die Macht der Musik verwandelt. LETO ist vieles: Musikerbiografie, Videoclip, aber vor allem eine fast zeitlose Dreiecksgeschichte. Der Rockstar Mike ist mit Natascha verheiratet, als an einem trägen, verspielten und selbstverständlich leicht besoffenen Tag am Strand Wiktor Zoi auftaucht. Er spielt ein Lied, Mike steuert eine Idee bei, so werden zwei Entwicklungen in Gang gesetzt: Die beiden Musiker werden Freunde. Und Natascha verliebt sich in Wiktor. Wird die Liebe über die Kunst siegen? Musik ist in Serebrennikows Film der ultimative Katalysator. Die Lieder der Rocker strotzen vor Rotzigkeit und Anti-Establishment. Zwischendurch entlädt sich die gewollte (musikalische) Revolution in knalligen Videos zu Songs von den Talking Heads, Lou Reed, Iggy Pop. Die Botschaft ist eindeutig: Man muss heute überall die Sau rauslassen dürfen! LETO ist ein bild- und musikgewaltiges Plädoyer dafür.

Der Regisseur Kirril Serebrennikow wurde während der finalen Dreharbeiten festgenommen und durfte an der Weltpremiere in Cannes im Mai nicht persönlich teilnehmen.