Mo. 26.10.2020 / 20:00

Über die Unendlichkeit

Roy Anderssons Blick auf das menschliche Treiben, die Lächerlichkeit und die Größe unserer Existenz.

© 2019 Neue Visionen

Stetig wiederkehrende Motive in diesem lakonischen Kaleidoskop aus Alltäglichem und Existenziellen sind Krieg und Zerstörung, sei es in Gestalt endloser Kolonnen von Kriegsgefangenen oder im Blick in den Führerbunker, wo desolate Gestalten das Ende erwarten. Doch da gibt es auch jene Szene, die heraussticht wegen ihrer traumhaft-entrückten Schönheit: Über dem völlig ausgebombten Köln, einer apokalyptischen Szenerie, schwebt ein Liebespaar, eng umschlungen – ein Bild, das von der Unzerstörbarkeit der Liebe erzählt. Und es gibt Momente von überraschender Leichtigkeit, etwa wenn ein paar Mädchen ganz spontan zu tanzen beginnen. Oder: ein Mann bindet seiner kleinen Tochter mitten in einem Wolkenbruch die Schuhe. Einfache Geschichten von der Absurdität des Alltags, von Leid und Vergänglichkeit und von anrührenden Glücksmomenten. Letztlich eine große Liebeserklärung an all das, was man zusammengenommen Leben nennt.

Mo. 02.11.2020 / 20:00

Henry V

Die wortgetreue Verfilmung des gleichnamigen Dramas, die die Schönheit und Kraft der Sprache beschwört.

Parkcircus

Der junge König Henry V. Von England erhebt seinen Anspruch auf den französischen Thron. Er setzt mit seinem Heer auf das Festland über, um Frankreich zu stürzen. Doch als Krankheiten und mangelnde Verpflegung das Gefolge dezimieren, droht das militärische Ziel zu scheitern. Der aufwendig und detailgetreu inszenierte Film gerät zu einem Plädoyer gegen Aggression und Krieg. Besonders durch die opulenten und gleichzeitig bedrückenden Bilder sowie die ausgezeichneten Schauspieler wird der Film zu einem eindrucksvollen Kinoerlebnis, das an Klarheit und Dichte seinesgleichen sucht. Zahlreiche Auszeichnungen in allen Kategorien!

Di. 03.11.2020 / 20:00

Viel Lärm um nichts

Als rasant-übermütige Shakespeare-Verfilmung, von einem Ensemble aus Theater- und Kinostars ausgezeichnet gespielt.

Parkcircus

Das Thema des Geschlechterkampfes steht im Mittelpunkt dieser gleichermaßen werkgetreuen wie populären Theateradaption, die vor allem von ihrem sprühenden Sprachwitz lebt. Die scharfzüngigen Wortgefechte zwischen der schönen Beatrice und dem eingefleischten Junggesellen Benedikt suchen in der Filmgeschichte ihresgleichen. Wie verkuppelt man zwei Menschen, die kein größeres Vergnügen kennen, als sich gegenseitig zu beschimpfen? Ganz einfach: Man sagt ihnen, dass der eine hoffnungslos in den anderen verliebt ist. Der Regisseur und Schauspieler Kenneth Branagh hat die schöne Komödie mit seinem großartigen Ensemble wunderbar leicht und unterhaltsam verfilmt.

Mi. 04.11.2020 / 20:00

Romeo & Julia OmU english cinema

Baz Luhrmanns gewagte, moderne Variante der größten Liebesgeschichte aller Zeiten ist ein faszinierendes Filmerlebnis mit wunderbaren Darstellern

Twentieth Century Fox

Kritik aus dem Lexikon des Internationalen Films: „Aus Versatzstücken des aktuellen Actionkinos, der Popmusik-Kultur, einer gehörigen Dosis religiösem Kitsch und dem 400 Jahre alten Originaltext entstand eine durch die Fülle der Einfälle die Wahrnehmungsfähigkeiten des Zuschauers herausfordernde fulminante Version der Shakespeare‘schen Liebestragödie. Der Film ist ein spannender Versuch, Shakespeare in einem aktuellen Kontext der Reflexion über Gewalt und moderne Medienkultur anzusiedeln.“ Die überaus erfolgreiche Verfilmung wurde auf internationaler Ebene mit vielen Auszeichnungen bedacht.

Mo. 09.11.2020 / 20:00

Aretha Franklin – Amazing Grace OmU

Ein Musik- und Dokumentarfilm aus dem Jahr 2018 über ein legendäres Kirchenkonzert von Aretha Franklin im Jahr 1972.

© 2019 Courtesy of Amazing Grace and Weltkino

Unter allen Liedern, die von Gottes Gnaden und der Kraft des Glaubens erzählen, ist „Amazing Grace“ wahrscheinlich das berühmteste. Die Erde wird sich irgendwann auflösen wie Schnee, die Sonne aufhören zu scheinen, doch wer dem Weg des Herrn folgt, auf den wartet ein Jenseits voll Freude und Frieden. So lautet das Versprechen. Obwohl „Amazing Grace“ im 18. Jahrhundert vom ehemaligen Kapitän eines Sklavenschiffs geschrieben wurde, stieg es zur schwarzen Gospelhymne auf. Als in Charleston neun Afroamerikaner erschossen wurden, sang der damalige Präsident Barack Obama den Song bei der Trauerfeier. Der Film zeigt, wie Aretha Franklin an zwei Abenden im Januar 1972 in der New Temple Missionary Baptist Church von Los Angeles ihr gleichnamiges Doppelalbum aufnimmt, das als meistverkaufte Gospelplatte in die Geschichte einging. Aretha Franklin stand zu der Zeit mit 29 Jahren auf dem Zenit ihrer Karriere, hatte 20 Alben herausgebracht, fünf Grammys gewonnen. „Amazing Grace“ singt sie völlig entschleunigt, Silbe an Silbe fügend. Es ist das Lied einer Bekehrung.

Mo. 16.11.2020 / 20:00

Exil

Immer mehr Migranten und Flüchtlinge fühlen sich in Deutschland nicht mehr ganz so wohl. Mit Recht?

© 2020 Alamode Film

Um diese Frage kreist Visar Morinas großartiger Film EXIL in dem Mišel Matičević den eigentlich perfekt integrierten Kosovo-Albaner Xhafer spielt, der plötzlich an allem zweifelt. Er wohnt mit seiner Frau Nora (Sandra Hüller) und drei gemeinsamen Kindern in einer sehr deutschen Vorstadtsiedlung – und hat eine feste Anstellung in einem Pharmaunternehmen. Auf den ersten Blick könnte Xhafer nicht besser integriert sein, doch das Gefühl, irgendwie nicht richtig dazuzugehören nagt an ihm. Die E-Mail zu der Verlegung einer wichtigen Versammlung in seiner Firma hat er nicht bekommen. Ein Versehen? Vielleicht. Ein Kollege verlangt plötzlich Einsicht in Untersuchungsergebnisse. Reine Routine? Wer weiß. Spätestens wenn plötzlich der Kinderwagen vor dem Reihenhaus in Flammen steht, scheint klar: Jemand hat es auf Xhafer abgesehen. Mit bemühter Selbstbeherrschung versucht er dem gefühlten Mobbing auf den Grund zu gehen, zweifelt an sich, seiner Wahrnehmung, seinem Urteilsvermögen. Am Ende ist er ganz allein, irgendwie Teil der Gesellschaft, aber doch nicht richtig.